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Wunder von Bern
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Als das Wunder von Bern wird der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz durch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen die hoch favorisierte Nationalmannschaft Ungarns bezeichnet. Das Endspiel, das mit einem 3:2 für Deutschland endete, fand am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion vor 65.000 Zuschauern statt. Die Spieler und der Bundestrainer Sepp Herberger gingen daraufhin als die „Helden von Bern“ in die deutsche Sportgeschichte ein.
Der Titelgewinn löste in Deutschland einen großen Freudentaumel aus. Neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs schien er ein ganzes Volk aus den Entbehrungen und Depressionen der Nachkriegszeit zu reißen. Am Anfang des deutschen Wirtschaftswunders stehend, wird er deshalb gelegentlich als „die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland“ bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis |
Mannschaftsaufstellungen
Deutsche Mannschaft
- 1 Toni Turek (Fortuna Düsseldorf)
- 7 Jupp Posipal (Hamburger SV)
- 3 Werner Kohlmeyer (1. FC Kaiserslautern)
- 6 Horst Eckel (1. FC Kaiserslautern)
- 10 Werner Liebrich (1. FC Kaiserslautern)
- 8 Karl Mai (SpVgg Fürth)
- 12 Helmut Rahn (Rot-Weiss Essen)
- 13 Max Morlock (1. FC Nürnberg)
- 15 Ottmar Walter (1. FC Kaiserslautern)
- 16 Fritz Walter (1. FC Kaiserslautern)
- 20 Hans Schäfer (1. FC Köln)
Trainer: Sepp Herberger
Ungarische Mannschaft
- 1 Gyula Grosics (Honvéd Budapest)
- 2 Jenő Buzánszky (Dorogi Bányász)
- 3 Gyula Lóránt (Honvéd Budapest)
- 4 Mihály Lantos (MTK Budapest)
- 20 Mihály Tóth (Újpest Budapest)
- 5 József Bozsik (Honvéd Budapest)
- 6 József Zakariás (MTK Budapest)
- 9 Nándor Hidegkuti (MTK Budapest)
- 10 Ferenc Puskás (Honvéd Budapest)
- 11 Zoltán Czibor (Honvéd Budapest)
- 8 Sándor Kocsis (Honvéd Budapest)
Trainer: Gusztáv Sebes
Das Spiel
Vorgeschichte
Das Vorrundenspiel hatte man – bewusst nicht in Bestbesetzung spielend – gegen die Magyaren noch mit 3:8 verloren. Den Deutschen gelang nach einem 2:0-Zittersieg gegen Jugoslawien ein souveränes, fast spielerisch leichtes 6:1 gegen den späteren Dritten Österreich. Die Ungarn mussten zwei schwere und hart umkämpfte Spiele gegen Uruguay und Brasilien bestehen, gewannen diese aber jeweils mit 4:2.
Spielverlauf
Zu Beginn des Finales dominierten die als unbezwingbar geltenden und seit vier Jahren unbesiegten Ungarn. Schon nach wenigen Minuten gingen sie mit 2:0 in Führung (6. Minute Ferenc Puskás, 8. Minute Zoltán Czibor), wobei der zweite Treffer aus einem Missverständnis zwischen dem deutschen Torhüter und einem Verteidiger fiel. Danach wendete sich jedoch das Blatt und der DFB-Elf gelang durch Tore von Max Morlock (10. Minute) und Helmut Rahn (19. Minute) der Ausgleich. Im weiteren Verlauf spielte die deutsche Mannschaft zwar hervorragend, die deutlicheren Torchancen hatten jedoch die Ungarn, die mehrfach an Pfosten, Latte und dem „Teufelskerl“ Toni Turek im deutschen Tor scheiterten.
Den entscheidenden Treffer erzielte Rahn in der 84. Spielminute. Eine Flanke von Hans Schäfer wurde unglücklich vor die Füße von Rahn abgewehrt. Statt einen Pass zu Ottmar Walter zu spielen, legte sich Rahn den Ball auf den linken Fuß vor und schoss das Tor seines Lebens. Noch 50 Jahre später kann sich Torwart Gyula Grosics unter Tränen diesen Moment der Schwäche nicht erklären. In den letzten Minuten des Spiels warfen die Ungarn alles nach vorne. Kurz vor Ende der Spielzeit gelang dem Ungar Puskás noch ein Treffer, den jedoch Schiedsrichter William Ling wegen Abseits nicht anerkannte. Die vorliegenden Fernsehbilder können diese Schlussszene nicht vollständig aufklären.
Bewertung
Manche Kritiker attestieren den Ungarn deutliche spielerische Vorteile und der deutschen Nationalmannschaft einen weniger attraktiven und dafür mehr kampfbetonten Fußball. Auch das Wetter gilt als mitentscheidend für den deutschen Erfolg – über der Westschweiz begann am 4. Juli 1954 ein Dauerregen, „Fritz-Walter-Wetter“, der dazu führte, dass die Ungarn auf nassem Platz ihre technische Überlegenheit nicht voll ausspielen konnten. Als erwiesen gilt, dass Sepp Herberger ein herausragender und akribisch arbeitender Fußballlehrer war, der das Team konditionell und taktisch hervorragend vorbereitete. In Fritz Walter fand er seinen kongenialen Gegenpart auf dem Feld.
Historische Auswirkungen
Deutschland
Der unerwartete Sieg bei der Weltmeisterschaft sorgte in der Bundesrepublik für eine enorme Aufbruchstimmung und gilt auch heute noch als das bedeutendste Sportereignis der deutschen Geschichte. Wissenschaftler wie der Politologe Arthur Heinrich und der Historiker Joachim Fest sehen in dem Titelgewinn sogar die eigentliche Geburtsstunde Nachkriegsdeutschlands. Wie in der Radioreportage zu hören ist, sangen die deutschen Zuschauer aus Freude über den Gewinn der Weltmeisterschaft bei der Siegerehrung deutlich hörbar die erste Strophe des Deutschlandlieds. Es ist hierzu aber anzumerken, dass die dritte Strophe bis dahin in Deutschland schlicht noch weitgehend unbekannt war, da sie erst zwei Jahre zuvor als zu singender Text festgelegt worden war.
Ungarn
Die Schattenseite war bei den Verlierern des Spiels spürbar: In Ungarn, deren Mannschaft zum ersten Mal nach 4½ Jahren wieder ein Spiel verloren hatte, kam es bereits kurz nach dem Spiel zu Ausschreitungen. Spieler wurden verhört und vom kommunistischen Regime drangsaliert. Einigen Spielern, die mit deutschen Mercedes-Pkw aus der Schweiz heimkehrten, wurde Folter angedroht und unterstellt, sie hätten sich kaufen lassen, um absichtlich zu verlieren. Gyula Grosics hat man das Siegtor der Deutschen niemals ganz verziehen. Verwandte von Spielern verloren ihre Arbeitsplätze. Nach dem Aufstand von 1956 flohen viele Spieler nach Spanien, wie Ferenc Puskás (Real Madrid), Zoltán Czibor (Espanyol Barcelona und FC Barcelona) und Sándor Kocsis (FC Barcelona).
Radioreportage
1954 gab es in Deutschland nur ca. 20.000 Fernsehgeräte. Die Tonspur der TV-Reportage von Bernhard Ernst ist zwischenzeitlich verloren gegangen, auch vom Filmmaterial sind nur noch 18 Minuten vorhanden. Dagegen wurde die Radioreportage von Herbert Zimmermann (und Robert Lembke als Assistent) zur Legende. Die Filmbilder von den entscheidenden Szenen werden fast immer mit dem Radiokommentar unterlegt. So zum Beispiel die hoch emotionale Phase um das deutsche Siegtor, vielleicht die berühmtesten Worte, die es je in einer Fußballreportage gab:
Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Keiner wankt. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren nicht aus – wie könnten sie auch! Eine Fußballweltmeisterschaft ist alle vier Jahre, und wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen, so packend, jetzt Deutschland am linken Flügel durch Schäfer, Schäfers Zuspiel zu Morlock wird von den Ungarn abgewehrt, und Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn am Ball. Er hat den Ball verloren diesmal, gegen Schäfer – Schäfer nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor! ...
Tor für Deutschland – Linksschuss von Rahn, Schäfer hat die Flanke nach innen geschlagen, Schäfer hat sich gegen Bozsik durchgesetzt. Drei zu zwei für Deutschland fünf Minuten vor dem Spielende. Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt, ich glaube, auch Fußballlaien sollten ein Herz haben, sollten sich an der Begeisterung unserer Mannschaft und an unserer eigenen Begeisterung mit freuen und sollten jetzt Daumen halten. Viereinhalb Minuten Daumen halten in Wankdorf...oder das Ende des Spiels:
Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Schlägt Ungarn mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern!!
Zuvor schon war Zimmermann ob der Reflexe von Torhüter Toni Turek bei der Verteidigung des 2:2 so außer sich geraten, dass ihm die Worte „Turek, du bist ein Teufelskerl – Turek, du bist ein Fußballgott“ herausrutschten. Dafür handelte er sich ernste Tadel von Kirchenvertretern ein und hatte vor dem Intendanten zu erscheinen.
Auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Endspiel wiederholte am 4. Juli 2004 der Deutschlandfunk zur exakt selben Tageszeit in Erinnerung an den denkwürdigen Finalsieg die legendäre Rundfunkreportage von Herbert Zimmermann.
Andreas Obering spielt in Sönke Wortmanns Film Das Wunder von Bern Herbert Zimmermann und spricht dessen Kommentar.
Die Radioreportage wurde vom NDR auch auf zwei CDs veröffentlicht.
Dopingvorwürfe
Wie erst 2004 bekannt wurde, fand der Platzwart nach dem Spiel aufgesägte, leere Glasampullen in einem Abflussgitter der Mannschaftsräume. Man unterstellte daraufhin, die deutschen Spieler hätten verbotene Doping-Substanzen eingenommen. Einige deutsche Spieler erkrankten nach dem Spiel an Gelbsucht und starben später an Leberzirrhose. Beide Krankheiten können durch Benutzung unsteriler Spritzen übertragen werden; allerdings wurden mehrere Spieler später auch alkoholkrank, so dass ein zwingender Zusammenhang zwischen den Spritzen und ihrem Tod nicht hergestellt werden kann – die Leberzirrhose kann ebensogut auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen sein. Auch dass es bei einer solchen Brisanz dieses mutmaßlichen Fundes – der Außenseiter Deutschland schlägt den mehr als vier Jahre ungeschlagenen und somit haushohen Favoriten Ungarn unter Einnahme von Dopingmitteln – nicht schon vorher zu Presseverlautbarungen und weiteren Untersuchungen kam, lässt die Dopingvorwürfe äußerst unglaubwürdig erscheinen.
Der Mannschaftsarzt erklärte, im Mannschaftsquartier Hotel Belvédère in Spiez lediglich Spritzen mit Vitamin C und Traubenzucker an die Spieler verabreicht zu haben, die vor allem psychologische Wirkung haben sollten. Diese Substanzen galten nicht als Dopingmittel; ihre intravenöse Verabreichung hatte allerdings – wie man damals schon wusste – auch keinerlei positive Wirkung auf das Leistungsvermögen, sodass speziell auf ungarischer Seite Zweifel an dieser Darstellung blieben. Wissenschaftlich erwiesene – und weitgehend anerkannte – positive Einflüsse von sogenannten Placeboeffekten, die immense Auswirkungen auf das Leistungsvermögen haben können, stützen hingegen die Aussage des Mannschaftsarztes.
Verfilmungen
Die Geschehnisse um den deutschen Sieg bei der WM wurden in einem Kinofilm, drei Fernsehfilmen sowie einem Trickfilm verfilmt.
Regisseur Sönke Wortmann verfilmte die Geschichte um den Gewinn der Weltmeisterschaft unter dem Titel Das Wunder von Bern (Deutschland 2002/2003).
2004 wurde zum 50-jährigen Jubiläums des Spiels die Fernseh-Dokumentation Das Wunder von Bern – Die wahre Geschichte gedreht. Bereits zum 40-jährigen Jubiläum 1994 drehte Ulrich Lenze den Fernsehfilm Das Wunder von Bern: Deutschland und die Fußball-WM 1954.
Ebenfalls 2004, am 20. Mai, sendete das ZDF mit „Das Wunder von Bern – Das Spiel – Eine Rekonstruktion”. Hierfür wurde das verfügbare original Filmmaterial zusammengetragen, zusammengeschnitten und mit dem Radiokommentar unterlegt. Insgesamt konnten so 38 Minuten des Spiels rekonstruiert werden.
Bereits 2003 erschien unter dem Titel Die Helden von Bern ein Animationsfilm, der im Rahmen einer Projektarbeit an der Fachhochschule Offenburg erstellt wurde. Dabei wird das Endspiel mit Hilfe von Lego-Figuren nachgestellt; der zehnminütige Brickfilm bedient sich dabei des Originalkommentars von Herbert Zimmermann.
Parallelen zur WM 2006
Oft wird das Wunder von Bern mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland verglichen. Sowohl sportlich als auch gesellschaftlich sind Parallelen auszumachen. Sportlich hat sich 2006 eine anfangs von allen (Fans, Gegnern, Presse) unterschätzte Mannschaft durch begeisternde Auftritte bis ins Halbfinale vorgekämpft, eine vorher erhoffte, aber nie erwartete Leistung. Auch dadurch herrschte während der vier Wochen WM eine begeisternde und euphorische Stimmung im ganzen Land, was vorher nicht zu erwarten war. Durch die vielen Fan-Feste und -meilen entwickelte sich die WM zu einem riesigen Volksfest, ein nicht gekanntes Zusammengehörigkeitsgefühl erfasste die gesamte Republik. Wie 1954 gab es eine ungewohnte Identifikation mit Deutschland, die teilweise schon als "neuer Patriotismus" bezeichnet wurde.
Passenderweise fanden das Endspiel 1954 und das dramatische Ausscheiden gegen Italien 2006 beide am 4. Juli statt.
Siehe auch
- Aufgebot und Spiele der deutschen Nationalmannschaft im Einzelnen
- Aufgebot und Spiele der ungarischen Nationalmannschaft im Einzelnen
Literatur
- Andreas Bauer: Das Wunder von Bern. Wißner. 2004 ISBN 3896394266
- Melanie Kabus, Eva Ludwig: Sepp Herberger und das Wunder von Bern. Wißner, 2003, ISBN 3896393723
- Peter Kasza, Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern 1954, Berlin-Brandenburg 2004 ISBN 3898090469
- Eggers, Jessen, Schlüper: Fußballweltmeisterschaft 1954 Schweiz. Das Wunder von Bern. Agon, 2003, ISBN 3897842181
- Rudi Michel: Deutschland ist Weltmeister! – Meine Erinnerungen an das Wunder von Bern. Südwest, 2004, ISBN 3517067350
- Thomas Raithel: Fußballweltmeisterschaft 1954 - Sport - Geschichte - Mythos. München 2004, 1. Auflage, Sonderauflage der Landeszentralen für politische Bildung Bayern und Rheinland-Pfalz
Weblinks
- Wunder von Bern – Allumfassende Seite zum Thema
- Filmkritik mit Bildern
- Animationsfilm Die Helden von Bern
- Bild von der Premiere des gleichnamigen Kinofilms
- Die Dopingfrage
- Beitrag der TV-Sendung Planet Wissen
- Das Wunder von Bern in aller Kürze – mit Autogrammkarte
- WM 1954 – mit Ausschnitt aus der Rundfunkreportage
- Der Fußball der Weltmeister
- Das Wunder von Bern im Geschichtsunterricht bei Lehrer Online von U. Hartwig
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