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Wiener Operette

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Wiener Operette ist eine Bezeichnung für Operetten, die im Zeitraum zwischen 1860 und etwa 1960 in Wien uraufgeführt wurden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bevor der amerikanische Film die Unterhaltungsindustrie eroberte, war die Wiener Operette ein weltweit erfolgreicher Kulturexport.
Bevor der amerikanische Film die Unterhaltungsindustrie eroberte, war die Wiener Operette ein weltweit erfolgreicher Kulturexport.

Die Wiener Operette ist nach dem Vorbild der Pariser Operette entstanden, die ungefähr von 1855 bis 1870 modern war (siehe Jacques Offenbach). Sie hatte als Novitäten-Genre im musikalischen Theater knapp hundert Jahre Bestand. Diese Zeit ist ironisch in eine "goldene" (bis etwa 1900), "silberne" (bis etwa nach dem Ersten Weltkrieg) und "blecherne" Ära (Folgezeit) geteilt worden. Das Blecherne bezog sich nicht nur auf die Qualität, sondern auch auf die extensive Verwendung von Blechblasinstrumenten in manchen jüngeren Operetten.

Da die Zahl der Neuproduktionen bis zum Ersten Weltkrieg sprunghaft anstieg, bekam die Wiener Operette den Ruf der kommerziellen Massenunterhaltung. Oft wurde daher der Untertitel Operette vermieden und auf die Bezeichnungen Singspiel, Musikalisches Lustspiel o. ä. ausgewichen.

Ursprünge

Musik war in der sogenannten Wiener Volkskomödie seit ihren Ursprüngen im 18. Jahrhundert bedeutend. Oft konnte man, was den Musikanteil betraf, nicht zwischen einer leichten Spieloper und einer Posse unterscheiden, da beide Genres auch in denselben Theatern mit demselben Orchester gegeben wurden. Der Theaterkapellmeister Adolf Müller senior zum Beispiel schuf von den 1820er- bis in die 1880er-Jahre über 600 vollständige Bühnenmusiken mit Ouvertüren, Chören, Liedern. Als die Wiener Operette entstand, gab es zwar eine hoch entwickelte musikalische Infrastruktur, aber die traditionellen Theaterformen mit Musik waren altmodisch geworden, die Eintrittspreise verteuerten sich, und ein großer Teil des Publikums wanderte von den Wiener Vorstadttheatern in die neu entstehenden Singspielhallen ab.

Der Überlieferung nach soll Franz von Suppé, ein Kapellmeister am Theater an der Wien, die erste Wiener Operette verfasst haben (Das Pensionat, 1860). Modern und „französisch“ wirkte hier das starke Übergewicht weiblicher Rollen auf der Bühne und eine revueartige Reihung von Tänzen. An den Wiener Bühnen gab es in jener Zeit aber auch zahlreiche andere Neuproduktionen mit hohem Musikanteil. Viele andere Wiener Komponisten neben Suppé, etwa Ivan Zajc, komponierten in den 1860er-Jahren schon Operetten. Karl Millöcker oder Carl Zeller vertraten wie Suppé eine Operette, die der älteren Spieloper verpflichtet war.

Die Wiener Operette erfüllte einen Publikumsbedarf, der durch Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur während der Gründerzeit entstand. Der große Bedeutung der Musik kam etwa einem Teil des Publikums entgegen, der die Feinheiten des Wiener Dialekts nicht verstand.

„Klassische“ Zeit

Während Suppé noch ein Theaterkapellmeister war, der Opern, Operetten und weitere Bühnenmusik im Auftrag der Direktion komponierte, wurde Johann Strauß (Sohn) aus der Tanzmusikszene ans Theater geholt und mit dem Theaterpraktiker Richard Genée zusammengebracht. Diese taktische Leistung des Theaterunternehmers Maximilian Steiner bahnte den Weg zum Welterfolg Die Fledermaus (1874). Durch diesen Brückenschlag zwischen Theater und Ballsaal war die Wiener Operette grundsätzlich modernisiert. Diese Art des urbanen Unterhaltungstheaters, die das altmodisch gewordene, aber zunehmend verklärte Alt-Wiener Volkstheater ablöste, hatte allerdings auch militante Gegner wie den Schriftsteller Adam Müller-Guttenbrunn.

Die Wiener Operette ist nicht zuletzt eine Geschichte der Diven, die als kapriziöse Figuren in einer für Frauen recht unselbstständigen Zeit bewundert wurden, wie Marie Geistinger, Josefine Gallmeyer und Fritzi Massary. Vor allem nach 1900 wurde sie auch zum Genre der Tenöre wie Richard Tauber. Als Komiker profilierte sich Alexander Girardi in vielen Operetten.

Franz Lehárs Die lustige Witwe begründete ab 1905 im Gegenzug zum Untergang der Habsburgermonarchie eine Art Weltherrschaft der österreichischen Unterhaltungsindustrie, die erst vom US-amerikanischen Film der 1920er-Jahre unterbrochen wurde. Große Wiener Bühnen wie das Johann Strauß-Theater oder das Wiener Stadttheater waren ausschließlich der Operette gewidmet. Emmerich Kálmán wurde zum Spezialisten für ungarisches Lokalkolorit und gewissermaßen zum Symbol für den politischen Erfolg des österreichisch-ungarischen Ausgleichs, musste jedoch in der Zeit des Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Herkunft emigrieren.

Nachklang

Die Operette verlor an Einfluss, als die Bühne nicht mehr das hauptsächliche Verbreitungsmedium für musikalische Schlager war, also mit dem Aufkommen von Radio, Tonfilm und Grammofon. In Österreich fühlten sich diese Medien jedoch zunächst der Operette verpflichtet. Der österreichische Film knüpfte mehrmals erfolgreich an die Operettentradition an, etwa die Regisseure Géza von Bolváry oder Ernst Marischka (vgl. Geschichte des frühen österreichischen Tonfilms). Operettenmusik und Filmmusik vermischten sich in den 1930er-Jahren, weil viele Komponisten sowohl für den Film als auch für die Bühne arbeiteten.

Während des Zweiten Weltkriegs konnten die Operetten von Nico Dostal oder Fred Raymond ungerührte Heiterkeit verströmen.

Nach dem Krieg machte sich das Fernsehen die Wiener Operette zu Nutze, während der aus dem Exil zurückgekehrte Komponist Robert Stolz die Eis-Operette erfand. Sänger wie Hermann Prey, Rudolf Schock, Anneliese Rothenberger, Peter Alexander profilierten sich in unzähligen Sendungen mit Potpourris und Künstlergesprächen. Seit den 1960er-Jahren, mit dem Aufkommen der Popmusik, erschien das Genre erschöpft, hat sich aber bis heute eine Nische bewahrt.

Charakterisierung

Die Unterscheidung der Wiener Operette von der "Posse mit Gesang" (Nestroy), der Komischen Oper oder Spieloper (Lortzing) ist fließend. Doch sie richtet sich nicht mehr wie jene Gattungen auf das deutsch sprechende Kleinbürgertum, sondern auf das Großbürgertum aus. Um sich vom "Frivolen" der französischen Stücke abzugrenzen, bevorzugte vor allem die Wiener Operette sentimentale und pathetische Stoffe, sodass komödiantische Momente vor allem in späteren Operetten manchmal wie ein Stilbruch wirken.

Seit etwa 1850 entstehen in Wien nach dem Vorbild der Londoner Music Halls zahlreiche Singspielhallen für ein kleinbürgerliches und subbürgerliches Publikum, wie etwa das Fürst-Theater im Wiener Prater, die ein gemischtes Unterhaltungsprogramm anboten. Daher versucht sich die Operette in den traditionellen Vorstadttheatern wie dem Theater an der Wien und dem Carltheater auf ein großbürgerliches Publikum auszurichten und dem repräsentativen Sehen und Gesehenwerden Raum zu geben.

Die beiden Pausen zwischen den drei Akten der Wiener Operetten wurden dabei zu gesellschaftlichen Anlässen mit festliegenden Regeln. Der dritte Akt ist oft nur noch ein Nachspiel mit wenig Musik und einem zentralen Komiker.

Die Wiener Operette ist selten parodistisch angelegt, gegenüber Offenbachs Mythen- und Opernparodien oder den tagesaktuellen Persiflagen der Berliner Operette. Dies mag sich daraus erklären, dass die Parodie-Tradition des 18. Jahrhunderts in Wien noch lebendiger war als in anderen Städten und die Operette dagegen etwas Modernes sein sollte. Eine Ausnahme ist die Richard Wagner-Parodie Die lustigen Nibelungen (1904) von Oscar Straus.

Die Wiener Operette ist statischer als die Pariser Operette oder die später entstandene Berliner Operette und hat eine Vorliebe für ausladende zeremonielle Ereignisse. Tänzerisch wie musikalisch hat der Wiener Walzer eine wichtige dramaturgische Funktion. Die Wiener Operette meidet die satirische Aggressivität der Pariser und der Berliner Operette und propagiert vielmehr eine Dämpfung aller Konflikte durch Musikalisierung. Elegante Husaren und Dragoner auf der Operettenbühne täuschten über die politische und militärische Schwäche der Donaumonarchie hinweg. Mit manchen Wiener Operetten, wie mit Der Zigeunerbaron (1885) von Johann Strauß, wurde versucht, die zunehmenden Differenzen innerhalb des Vielvölkergemisches ideologisch zu überbrücken. Der Historiker Moritz Csáky hat dafür das Schlagwort von der "rückwärtsgewandten Utopie" geprägt.

Liste von Komponisten (chronologisch)

Literatur

  • Anton Bauer: Opern und Operetten in Wien. Graz, Köln: Böhlau 1955. ISBN B0000BG5S4
  • Moritz Csáky: Ideologie der Operette und Wiener Moderne. Ein kulturhistorischer Essay zur österreichischen Identität, Wien-Köln-Weimar: Böhlau 1996, 2. Aufl., 1998. ISBN 3205989309
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