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Weltjudentum
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Als Weltjudentum (auch internationales Judentum oder jüdische Weltherrschaft) bezeichneten die Nationalsozialisten im Dritten Reich die Fiktion einer jüdischen Internationale, der sie einen bestimmenden Einfluss auf das Weltgeschehen zuschrieben. Damit knüpften sie an den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts an, in dem verschiedene europäische Judengegner bereits die Chimäre der jüdischen Weltherrschaft propagiert hatten.
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Geschichte
Die Verschwörungstheorie einer heimlichen Verabredung einflussreicher Juden gegen alle christianisierten Völker Europas entstand im Hochmittelalter und wurde erstmals im Zusammenhang der großen Pestpandemie 1347-1353 akut: Damals schrieben spanische und südfranzösische Flugschriften den Judengemeinden eine verabredete Brunnenvergiftung zu. Dies löste eine schwere Pogrom-Welle in ganz Europa mit Hunderttausenden jüdischen Opfern aus.
In der Neuzeit schufen Gegner der Französischen Revolution in Frankreich als Erste die These einer Zusammenarbeit zwischen Juden und Freimaurern zur Weltbeherrschung. 1846 veröffentlichte Alphonse Toussenel in Paris den Traktat Les Juifs, rois de l'epoque („Die Juden, Könige der Epoche“), der bald in viele Sprachen übersetzt wurde. 1869 folgte ebenfalls in Paris das Pamphlet Le juif, le judaïsme et la judaisation des peuples chrétiens („Die Juden, der Judaismus und die Judaisierung der christlichen Völker“) von Roger Gougenot des Mousseaux. Der damalige Papst verlieh dem Autor dafür einen hohen kirchlichen Orden.
Auch Gegner der Judenemanzipation in deutschsprachigen Ländern wie Hartwig von Hundt-Radowsky, Friedrich Rühs u.a. warnten seit 1812 vor einer bevorstehenden jüdischen Weltherrschaft der einst unterdrückten, nun angeblich privilegierten Minderheit der Juden über die christliche, insbesondere die „germanische“ Welt. Dieses Motiv griff auch Wilhelm Marr 1879 auf und sprach kulturpessimistisch von einem Sieg des Judenthums über das Germanenthum, wobei er die Juden bereits als angeblich eigene Rasse darstellte. Edouard Drumont (1844-1917) verfasste 1880 La France juive, das oft neu aufgelegte Grundlagenwerk des modernen Antisemitismus in Frankreich.
Die Propaganda der jüdischen Kultur- und Weltbeherrschung wurde seit 1890 auch von der Zeitschrift des Vatikan Osservatore Romano aufgegriffen und kampagnenartig unterstützt.
Ein bis heute wirksames Pamphlet, das die These einer angeblichen jüdischen Weltherrschaft zum Schaden aller übrigen Völker verbreitete, waren die Protokolle der Weisen von Zion. Es wurde nach einer französischen Romanvorlage vom russischen Geheimdienst gefälscht, um die Vorstellung zu begründen, der Bolschewismus, aber auch der Kapitalismus und die Freimaurerei seien von „den Juden“ geschaffen und durchdrungen.
Adolf Hitler griff in seiner Autobiografie Mein Kampf ausdrücklich auf diese Schrift zurück und sah das „Weltjudentum“ als Schöpfer und Drahtzieher des „internationalen Finanzjudentums“ und zugleich des Marxismus und Kommunismus. Es beherrsche die Börsen und Banken und treibe die Völker in einen neuen Weltkrieg in seinem Streben, die „arische Rasse“ zu vernichten. Dies sei nur durch eine „Endlösung der Judenfrage“, die „Entfernung“ (Euphemismus für Ausrottung) aller Juden aus Europa, aufzuhalten. Mit dem Holocaust versuchte das NS-Regime dieses Ziel zu realisieren.
NS-Propagandaschriften
- Wilhelm Dlugosch: Der Jude - sachlich gesehen Weltjudentum, Weltfreimaurerei, 1935
- Walter Wache: Judenfibel. Was jeder vom Weltjudentum wissen muß!, 1936
- Dieter Schwarz: Das Weltjudentum Organisation, Macht u. Politik, 1939; 1944
- Heinrich Hest: Palästina: Judenstaat? England als Handlanger des Weltjudentums, 1939
- Jens Lornsen: Britannien, Hinterland des Weltjudentums, 1940
- Hermann Erich Seifert: Der jüdische Kampf um Palästina. England als Handlanger des Weltjudentums, 1943
- Eugen Fischer: Das antike Weltjudentum. Tatsache, Texte, Bilder, 1943
Literatur
Vorläufer und Wurzeln
- Johannes Heil: Die Verschwörung der Weisen von Narbonne. Kontinuität und Wandlung im Konstrukt der jüdischen Weltverschwörung, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Judenfeindschaft als Paradigma (2002), ISBN 3-936411-09-3
- Johannes Heil: 'Gottesfeinde - Menschenfeinde. Die Vorstellung von jüdischer Weltverschwörung (13.-16. Jahrhundert). Essen: Klartext, 2006 (Reihe: Antisemitismus: Geschichte und Strukturen, 3)
Antisemitismus
- Hellmuth Auerbach: "Weltjudentum" und "jüdische Weltverschwörung", in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. München 1995, ISBN 3-423-04666-X
- Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung, 1969; 1998
- Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Zwischen Assimilation und "jüdischer Weltverschwörung", 1988; 1989
- Johannes Rogalla von Bieberstein: Der Mythos von der Weltverschwörung: Freimaurer, Juden und Jesuiten als "Menschheitsfeinde." Geheimgesellschaften und der Mythos der Weltverschwörung. Hrsg. Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Herder, München 1987, S. 24-62
- Johannes Rogalla von Bieberstein: "Jüdischer Bolschewismus". Mythos und Realität (Vorwort von Ernst Nolte), Dresden 2002
NS-Zeit
- Yfaat Weiss: Projektionen zum "Weltjudentum". Die Boykottbewegung der 1930er Jahre, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 1997
- Wolfram Meyer zu Uptrup: Alfred Rosenbergs doktrinärer Glaube an eine jüdische Weltverschwörung, in: Kampf gegen die "jüdische Weltverschwörung". Propaganda und Antisemitismus der Nationalsozialisten 1919 bis 1945, 2003
- Jeffrey Herf: The Jewish Enemy: Nazi Propaganda During World War II and the Holocaust. Nazi Propaganda During World War II and the Holocaust, Harvard University Press 2006, ISBN 0674021754
Siehe auch
Weblinks
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