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Traditionelle Chinesische Medizin

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Bild:Yin yang.svg
Taiji, Symbol für Yin und Yang

Die Traditionelle Chinesische Medizin (im englisch- und deutschsprachigen Raum auch als TCM bekannt) ist die Heilkunst, die in China vor über 2000 Jahren begründet und über die Jahrhunderte hinweg weiterentwickelt wurde. Zu den therapeutischen Verfahren, die in dieser Medizin zur Anwendung kommen, gehören die Arzneitherapie, die Akupunktur und Moxibustion (Erwärmung von Akupunkturpunkten), die Massage (Tuina Anmo), eine am Wirkmechanismus der Arzneien orientierte Diätetik und Bewegungsübungen wie Qi Gong und Taijiquan.

Das herkömmliche Verbreitungsgebiet der TCM umfasst neben China den gesamten ostasiatischen Raum, insbesondere Korea und Japan. Die Medizin erfuhr dort eigene Ausprägungen, in Japan zum Beispiel als Kampo-Medizin.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts - unter dem Eindruck der Erfolge, die westliche Technik und Wissenschaft auf vielen Gebieten vorzuweisen hatten - gerieten die herkömmlichen Diagnose- und Therapie-Verfahren zunehmend in Verteidigungsposition. In Reaktion darauf erfuhren sie unter Mao Zedong dann eine enorme Aufwertung. Seither erst kommt in China der Begriff "chinesische Medizin" (中医学) in Gebrauch. Der Begriff meint weniger die traditionelle Medizin im umfassenden Sinn als das Gesundheitswesen, das sich damals in China etablierte.

Die Verfahren chinesischer und japanischer Ärzte wiederum übten ihrerseits auch immer wieder ihren Reiz auf westliche Ärzte aus. Spürbar war das nach den ersten Kontakten zwischen Europa und China zur Zeit von Leibniz. Neues Interesse kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, als sich ein Bewusstsein für die Grenzen westlichen Fortschritts einzustellen begann. Zu einer - soweit erkennbar - nachhaltigen Bewegung führt das Interesse an chinesischer Medizin nach 1970.

Inhaltsverzeichnis

Grundlagen

In der TCM gibt es keine eindeutige Trennung zwischen Körper und Geist. Sie basiert auf der Annahme, dass der menschliche Körper Krankheiten bewältigen und sich wieder erholen kann, wenn er sich im Gleichgewicht der beiden Polaritäten (Yin und Yang) und der fünf Wandlungsphasen befindet und wenn genügend Abwehr-Qi (wei qi) vorhanden ist. Die TCM basiert auf empirischen Erkenntnissen, die in ein Ordnungssystem eingegliedert wurden. Dieses Ordnungssystem ist nicht deckungsgleich dem der westlichen Medizin. Damit sind die chinesischen Diagnosen nicht direkt übertragbar auf westliche Diagnosen. Zusätzlich zur westlichen Diagnostik ist eine chinesische Differentialdiagnostik erforderlich, damit die TCM lege artis eingesetzt werden kann. Gerade wegen ihres "ganzheitlichen" Ansatzes wird die Traditionelle Chinesische Medizin oft als eine sinnvolle Ergänzung zur konventionellen westlichen Medizin dargestellt.

Yin und Yang

siehe auch den Hauptartikel Yin und Yang

Die historischen Wurzeln des außergewöhnlichen Yin-Yang-Konzepts verlieren sich in der Vergangenheit. Die erste gesicherte Erwähnung finden Yin und Yang im I Ging, dem Buch der Wandlungen; das aber selbst nur ungenau auf ca. 1000-700 v. Chr. datiert werden kann. Damals standen Yin und Yang für konkrete, alltägliche Dinge - So bedeutete Yin ursprünglich „die unbeleuchtete Seite eines Hügels“, Yang stand für „die beleuchtete Seite eines Hügels“. Man kann sich leicht denken, welche Bedeutung die richtige Lage eines Feldes für die frühe chinesische Agrargesellschaft hatte. Im Laufe der Zeit wurde Yang gleichgesetzt mit dem Sonnenlicht, Yin wurde zum Schatten. Daraus abgeleitet war bald die Sonne selbst Yang, die Erde und der Mond Yin. Die ständig fortschreitende Abstrahierung und Verallgemeinerung der beiden Begriffe führte so zu vielen weiteren Entsprechungspaaren - etwa den Prinzipien des 'Schöpferischen' (Yang) und 'Empfangenden' (Yin).

Yin ist Materie, Yang ist Energie - beide gehen fließend ineinander über

Dieses besondere Yin-Yang Paar ist für die moderne, westlich geprägte Theorie der TCM von großer Bedeutung. Hierbei werden Yin und Yang nicht als Gegensätze betrachtet, sondern sie bilden vielmehr einen fließenden Übergang:

Körperyin und ~yang

Wie schon erwähnt ist dieses Begriffspaar in der CM von essentieller Bedeutung. Auf den Menschen angewendet bedeutet Yin die Körperlichkeit „an sich“, Yang steht für deren Möglichkeit zur Funktionsentfaltung. Diese körperlichen Aspekte werden daher gerne als 'Körperyin' und 'Körperyang' bezeichnet. Anhand Körperyin und ~yang lassen sich sehr gut einige grundlegende Prinzipien erklären, die jedoch auf alle Yin-Yang Betrachtungen anwendbar sind:

  1. Gegenseitige Abhängigkeit von Yin und Yang

Spätestens hier stößt die komplementäre Betrachtungsweise an ihre Grenzen. Yin und Yang benötigen nämlich ihr „Gegenteil“ und beeinflussen sich gegenseitig.

  1. (Übermäßiges) Yang verzehrt Yin

Zusätzlich zum oben angegebenen Sachverhalt führt ein absoluter Yang-Überschuss über kurz oder lang auch zu einem absoluten Yin-Mangel, weil eine Aktivität über die Maße des Gesunden hinaus „an der Substanz zehrt“. Dies bedeutet, dass sich ein Yin-Mangel über kurz oder lang noch verschlimmert, wenn man dem nicht entgegenwirkt!

  1. etc.

Die TCM unterscheidet fünf Yin-Organe (Herz, Lunge, Milz, Leber, Nieren) und sechs Yang-Organe (Gallenblase, Magen, Dünndarm, Dickdarm, Blase, Dreifacher Erwärmer). Die Aufgabe der Yin-Organe liegt im Produzieren, Regulieren und Speichern der fünf Grundsubstanzen: Qi, Blut, Jing, Shen und Säfte. Die Yang-Organe sind für die Aufnahme und Umwandlung der Nahrung zuständig.

Die fünf Wandlungsphasen

Bild:Tcm wp windrose.gif
Klassische Windrosenschreibweise der 5WP
Die Theorie der fünf Wandlungsphasen ist einer der Kernpunkte in der chinesischen Philosophie. Das Modell gewann ab dem 3. Jh. vor Chr. zunehmend an Bedeutung für die Betrachtung dynamischer Entwicklungen.

Das Wandlungsphasenmodell - oftmals auch fälschlich als „Elementenlehre“ bezeichnet - leitet sich aus der Yin- Yang- Lehre ab. Diese wurde im Laufe der Jahrtausende immer weiter differenziert, blieb aber weitgehendst bei einer eher statischen Betrachtungsweise. Die Grenze von einer Momentaufnahme zur dynamischen Betrachtung von Prozessen war mit der Hexagrammordnung nach Gesichtspunkten der zeitlichen Reihenfolge (siehe I Ging) und der zyklischen Anordnung der Trigramme (Zyklus der Hervorbringung, König Wen) erreicht. Eine logische Weiterentwicklung dieser Trigrammbetrachtung stellt daher das Wandlungsphasenmodell dar.

Die fünf Wandlungsphasen sind also ein universelles System zur Beschreibung zyklischer Prozesse. Für unser tägliches Leben haben sie daher insofern große Bedeutung, da wir es hier fast ausschließlich mit zyklischen Abläufen zu tun haben, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind. Wichtig für die Medizin wird das Modell dadurch, dass Lebens- und Krankheitsprozesse in ihrer Entwicklung qualitativ (bedingt auch quantitativ) vorhergesagt werden können. Aus der natürlichen Beziehung der einzelnen Phasen, die sich physiologisch gegenseitig kontrollieren und stützen („Zyklus der Kontrolle“) entsteht Gesundheit. Wird eine Phase überbetont, so kann eine andere in den Hintergrund gedrängt („bezwungen" oder "missachtet“) werden. Dies führt zu einem pathologischen Zustand. Das Wissen von den Gesetzmäßigkeiten der Hervorbringung und Überwindung befähigt uns, gezielt in diesen Ablauf einzugreifen, um ihn in geeigneter Weise zu beeinflussen.

Bei den Wandlungsphasen handelt es sich also um Etiketten zeitlich aufeinanderfolgender und sich gegenseitig bedingender Phasen eines in sich geschlossenen (zyklischen) Ablaufes.

  • Holz: Bereitstellungsphase - Bereitstellung von potentieller Energie. Holz ist über dem Sollwert und weiter steigend. Im Frühling steigt der Saft in den Bäumen. Im frühen Morgen bereitet sich die Sonne auf einen neuen Tag vor.
  • Feuer: Bewegungs- und Aktionsphase - das bereitgestellte Potential wird nun verbraucht. Feuer ist über dem Sollwert, aber wieder fallend. Vormittags ist die Aktivität am höchsten.
  • Erde: Ausgangspunkt und Ziel - der Zweck einer Arbeit ist erreicht. Die Erde ist gleichbedeutend mit dem Sollwert, bzw. mit dem Vorhandensein eines solchen.
  • Metall: Umkehrphase, Rhythmus, Oberfläche. Das Metall ist unter dem Sollwert und weiter fallend.
  • Wasser: Regenerationsphase. Wasser ist unter dem Sollwert, aber wieder steigend.

Kybernetische Betrachtungsweise

Bild:Tcm 5wp kybernetik.gif
Kybernetische Betrachtungsweise nach Dr. J. Greten
Eine weitere Entsprechung soll hier noch einmal hervorgehoben werden, da es für die TCM enorm wichtig ist. Wir verdanken die genaue Ausarbeitung dieser Betrachtung in erste Linie Dr. J. Greten: Auch physiologische Vorgänge des Körpers können als kybernetische Regelkreise betrachtet werden; d. h. als Systeme, in denen ein Istwert im Bezug steht zu einem Sollwert (bsp. Temperaturregulation). Jeder Patient hat seine eigenen, individuelle Sollwerte (Hierin unterscheidet sich die chinesische Medizin von der westlichen Medizin, in der Sollwerte meist als Mittelwert einer [gesunden] Bevölkerung definiert werden).

Weicht der aktuelle Istwert des Patienten von seinem Sollwert ab, so beobachten wir Symptome, die sich in der TCM-Nomenklatur (Yin&Yang) folgendermaßen beschreiben lassen:

  • Yang ist über dem Sollwert. Befindet sich der Patient z.B. in einer Phase von einer für ihn ungewöhnlich hohen Aktivität, so ist er im Yang. Westlich übersetzt: Aktivierung des vegetativen Nervensystems (Sympathikus).
  • Yin ist unter dem Sollwert. Im umgekehrten Fall, also wenn der Patient im Vergleich zu seiner üblichen Aktivität eher zu ruhig erscheint, so befindet er sich im Yin. Westlich übersetzt: Überwiegen der parasympathischen Aktivität.

Um den aktuellen Istwert in diese Kriterien einzuordnen, ist es nötig, den jeweiligen Sollwert zu kennen. Dazu muss man den Patienten entweder kennen, oder man muss den Sollwert durch eine ausführliche Anamnese erheben.

Therapie

Angebot auf dem traditionellen Medizin-Markt Xi'an.
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Die TCM kennt fünf Säulen der Behandlung, vier Behandlungen finden von außen statt. Dabei wird entweder durch Akupunktur (bzw. Wärmebehandlung mit Moxa), Massage (z.B.Tuina, Gua Sha), Phytotherapie und Ernährung versucht, ein Gleichgewicht der Wandlungsphasen (Wasser, Erde, Holz, Feuer und Metall) herbeizuführen. Die fünfte Säule steht für die aktive Bewegungslehre wie z.B. Taijiquan, Yoga und Qigong. Durch langsame kontrollierte Bewegungen wird eine Steigerung der Achtsamkeit auf den eigenen Körper erlangt, bei längerer und regelmäßiger Anwendung steigern sich Koordination und Flexibilität. Hervorzuheben sind auch die Puls- und die Zungendiagnostik.

Arzneimittel

siehe hierzu auch den Artikel Phytotherapie

Die in der traditionellen chinesischen Medizin verwendeten Arzneimittel werden für den Patienten stets individuell zusammengestellt. Verabreicht wird die Arznei meist in Form von Tee. Die Arzneimittel werden jeweils einer energetischen Eigenschaft (kalt, kühl, neutral, warm, heiß) und einer Geschmacksrichtung (süß, salzig, bitter, sauer, scharf, neutral) zugeordnet. Die Arznei wird ja nach der gewünschten therapeutischen Wirkung entsprechend seiner Eigenschaft und seiner Geschmacksrichtung ausgewählt.

Geschichte

Bild:ChineseMedicine-HK.JPG
Laden für TCM-Produkte in Tsim Sha Tsui, Yau Tsim Mong, Hongkong

Die ältesten Grundlagenwerke, die noch heute im Gebrauch sind, werden Kaisern zugeschrieben, die mehrere Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung gelebt hatten. Das sind Legenden. Wie es zu diesen Texten tatsächlich kam, mag auch in Zukunft im Dunkeln bleiben. Gesichert ist, dass sie vor mindestens 2000 Jahren zusammengestellt worden sind: das Shen Nong bencao jing, eine Pflanzenheilkunde, und das Huangdi Neijing, eine ausführliche Darstellung sowohl der Diagnose- und Therapieverfahren als auch der Akupunktur. Nach Beginn unserer Zeitrechnung entstand das Shang Han Lun, eine Abhandlung über Kälte-Krankheiten. Sie gilt als die älteste klinische Abhandlung der Medizingeschichte überhaupt. Ihren Höhepunkt erreichte die chinesische Medizin in der Ming-Dynastie (1368 bis 1644). Aus dieser Zeit stammen eine Reihe berühmter Schriften, darunter das Ben Cao Gang Mu, ein Kompendium der Materia Medica.

Mit Beginn der jesuitischen Mission gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann zunächst eine Zeit des gegenseitigen Austauschs. Ab Beginn der Qing-Dynastie (ab 1644) wirkten Jesuiten am kaiserlichen Hof als Astronomen, Geographen, Maler, Architekten oder Mathematiker. Umgekehrt erzählten die Reisenden, zurück von ihrer Reise, einem staunenden Publikum von fremden Künsten und Wissenschaften. Die Berichte über die medizinischen Künste in China riefen im Paris von damals eine Mode der Akupunktur hervor.

In einer neuen Lage befand sich China in der 2. Hälfte des 19 Jahrhunderts. Westliche Mächte hatten gemeinsam mit damals zur Verfügung stehender, geballter Waffengewalt den Zugang zu den Märkten erzwungen (Opiumkriege, 1839-1842 und 1856 bis 1860). Westliche Technik und Wissenschaft drang in der Folge ungehindert in den Alltag der städtischen Bevölkerung ein. In den Städten wuchs die Zahl derer, die ihre Krankheiten nach den importierten westlichen Methoden behandelt haben wollten, nicht mehr nach den hergebrachten. Diejenigen, die nach altem Handwerk zu heilen versprachen, wurden gar in die Enge getrieben. Es gab Diskussionen und Androhungen, sie zu verbieten, als Hemmschuh für eine reibungslose Abwicklung einer Transformation in den westlichen Stil der Effektivität durch Rationalität.

In die Gegenrichtung schwang das Pendel unter Mao Zedong. Es galt, die ländliche Bevölkerung eines riesigen Reichs mit Ärzten zu versorgen. Die Lösung ergab sich im Modell der Pflege und Kontrolle der althergebrachten und gerade in der ländlichen Bevölkerung verbreiteten Heilkunst. Neue Hochschulen für die chinesische Medizin wurden gegründet, alte Klassiker neu entdeckt und für die Moderne aufbereitet. Mit den „Barfußärzten“ – in Kurzlehrgängen ausgebildeten TCM-Ärzten – wurde die medizinische Versorgung flächendeckend bewältigt.

Taiwan

In Taiwan konnte sich die herkömmliche Medizin trotz ungehindert westlich orientierter Modernisierung halten und wird heute ergänzend zur modernen westlichen Medizin praktiziert. Taiwan hat seine eigene TCM-Tradition, die stärker durch alte Ärztefamilien geprägt ist, traditioneller und somit weniger standardisiert ist, mehr spirituelle Elemente beibehielt und manchmal etwas sektiererisch erscheint. Das Ansehen der TCM ist (bis auf Akupunktur) in Taiwan und Hongkong allgemein etwas geringer als in der Volksrepublik, und Taiwan bildet auch kaum Ausländer in der TCM aus. Nicht unerwähnt sollte jedoch bleiben, dass auch der Durchschnittschinese im Zweifelsfall eher auf Behandlungsmethoden der modernen Medizin vertraut. TCM findet vor allem bei chronischen Erkrankungen, als Zusatzbehandlung, oder bei austherapierten Patienten Anwendung. Großer Beliebtheit erfreuen sich in Taiwan auch Restaurants, die medizinale Gerichte entsprechend der Ernährungslehre der CM anbieten.

Japan (Kampo-Medizin)

Wie auf anderen Gebieten hat Japan auch in der Heilkunde seine zivilisatorischen Wurzeln in China. Mit der – ab 600 einsetzenden und bis 894 andauernden – regelmäßigen Entsendung von Gesandtschaften nach China, kam auch die chinesische Medizin auf die japanischen Inseln. Die älteste medizinische Schrift japanischer Herkunft datiert auf die Zeit kurz vor der Jahrtausendwende (Ishinpo - 医心方; 982 – Heian-Zeit, 794 – 1185, Kyoto als Hauptstadt) Zur Ausbildung einer eigenen Richtung, zu der der Kampo-Medizin, kam es aber erst ab dem 16. Jahrhundert. Zunächst gingen neue Anstrengungen von einem Arzt aus, der China bereist und sich dort mit dem aktuellen Stand der Medizin vertraut gemacht hatte. Er brachte die Medizin mit, die als Errungenschaft der Zeit der Jin-Yuan-Dynastieen galt: eine rund 250 Jahre dauernde Periode, die für den Reisenden damals selber schon bald 100 Jahre zurücklag. Dessen Sohn richtete eine Klinik ein und gründete mit Erfolg eine Schule. Diese wurde bald in Flügelkämpfe verwickelt. Im 17. Jh. (Beginn der Edo-Zeit, 1603 – 1867, Hauptstadt ist Tokyo) fanden sich Ärzte zusammen, die sich mit der neu importierten Medizin nicht zufrieden gaben und auf eine historisch viel ältere Medizin zurückgriffen: diejenige des Shang Han Lun... derjenigen Abhandlung also, die durch Kälte verursachte fiebrige Erkrankungen unter klinische Beobachtung gestellt hatte. So standen sich der Flügel, der sich für die Medizin der jüngsten Vergangenheit einsetzte (後世派), dem Flügel der Befürworter für eine sehr alte Medizin (古方派) gegenüber. Hier die Vertreter hochentwickelter Verfahrensweisen, frisch aus China importiert, da die Vertreter der Renaissance einer alten Richtung, deren Glanzzeit schon ein Jahrtausend oder länger her ist. Der „Flügel der alten Manier“ hat den historischen Erfolg für sich entschieden und die Kampo-Medizin begründet..

Der Import entwickelter Techniken brachte auch den Import der ihnen zugrunde liegenden Anwendungsmodelle mit sich. Insbesondere das Fünf-Funktionskreise-Modell spielte eine mächtige Rolle. Für die Vertreter der alten Manier verlor es an Bedeutung. Man kam ohne es aus. Ein positivistisch gestimmter Aufklärungsgeist verbarg sich im Plädoyer für die Anfänge.

Mit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die hergebrachte Medizin einem scharfen Wind ausgesetzt. Zu den neuen Regelungen von Seiten staatlicher Instanzen gehörten: Wer als Arzt praktizieren will, muss sich die Erlaubnis durch den Nachweis holen, dass er sich im Handwerk der aktuellen westlichen Medizin auskennt, der deutschen übrigens an erster Stelle. Dem dienten die neu gegründeten Universitäten. Wer also nur seine Erfahrung im Heilen mit hergebrachten Methoden vorweisen konnte, war zum Heilen nicht mehr berechtigt. Er wurde ausgeschieden aus dem Verband staatlich anerkannter Ärzte. Was aber nicht zum Absterben der Kampo-Medizin führte. Es hat sich ein Widerstand gegen den Ausschließlichkeitsanspruch der modernen westlichen Medizin erhalten. Es gab Bestrebungen, die Ärzte nach ihrer Approbation zum Arzt in westlicher Medizin eine Zusatzausbildung in Kampo-Medizin machen zu lassen. Mit gewissem Erfolg: 1976 wurden Kampo-Produkte kassenfähig. Viele Apotheken führen eine mehr oder minder große Palette an chinesischen Rezepturen. An städtischen und privaten Kliniken Ärzte zu finden, die auch in Kampo-Medizin ausgebildet sind, ist in der Regel möglich.

Eine eigene Welt bildet die Akupunktur. Personell und institutionell ist sie von der Kampo-Medizin faktisch getrennt. Die Behandlung mit Arzneidrogen ist ganz in den Händen von approbierten Ärzten, diejenige mit Nadeln hingegen in denen von Therapeuten, die sich auch auf die Techniken des Massierens und weiterer manueller Verfahren verstehen. Entsprechende Praxen – oft im Stil einer kleinen Klinik mit einem oder zwei Dutzend Mitarbeitern ausgestattet – sind flächendeckend vorhanden und voll in das Gesundheitswesen integriert. Auch als Patient einer Pflichtkasse kann man mit direktem Gang zum Therapeuten, ohne sich zuerst bei einem Arzt ein Überweisungsschreiben holen zu müssen, Leistungen in Akupunktur oder Massage einfordern.

Zum Begriff „Kampo-Medizin“ (漢方医学)ist nachzutragen: Der Begriff kam erst auf, als es galt, die einheimische Medizin gegen die westliche Medizin abzugrenzen. „Kampo“ bedeutet „chinesisches Verfahren“, wobei das Zeichen für China (kan -> 漢) das Bild von einem alten, vergangenen China hervorruft. Das Begriffsfeld ist nicht präzise abgegrenzt. Manchmal bezeichnet der Begriff das ganze Arsenal an Verfahren, das zur Anwendung kommt, auch Massage, Akupunktur und Diätetik. Häufig aber beschränkt er sich auf das Feld der Therapie mit Arzneidrogen.

Aktueller TCM-Boom im Westen

Die Anfang der 70-er Jahre einsetzende TCM-Mode im Westen fällt mit der politischen Öffnung Chinas und den damit einhergehenden Reiseerleichterungen zusammen. Einer der großen Vermittler unter den China-Reisenden von damals ist der Nordamerikaner Ted J. Kaptchuk, dessen Buch „The Web That Has No Weaver“ – 1983 erschienen (dt.: Das große Buch der chinesischen Medizin 1988) – wesentlich zur Popularität der TCM beigetragen hat.

Das Interesse aber an der chinesischen Medizin ist älter. In Deutschland hatten naturheilkundlich ausgerichtete Ärzte wie Heribert Schmidt, Gerhard Bachmann, Erich Stiefvater lange vorher schon Teile von ihr rezipiert und seit Mitte letzten Jahrhunderts viel für die Verbreitung vor allem der Akupunktur getan. Ihre Kenntnisse bezogen sie aus Vietnam und Japan. Neue Erkenntnissse von Sinologen kamen hinzu. Von herausragender Bedeutung sind die Werke von Manfred Porkert. Seine "Klinische Chinesische Pharmakologie" von 1978 zum Beispiel bietet zum ersten Mal in einer westlichen Sprache eine umfassende Beschreibung der Wirkungen von chinesischen Arzneidrogen.

Situation im deutschsprachigen Raum

Die TCM ist mittlerweile im deutschen Gesundheitswesen fest etabliert. Wenn auch gesundheitspolitisch nur sehr begrenzt anerkannt. Sie verfügt über eine Reihe von ärztlichen Gesellschaften. Deren mitgliederstärkste, die „Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur“ (DÄGfA ), gehört zu den größten Fachgesellschaften auf dem Gebiet der Naturheilkunde überhaupt. Es wird auch Forschung betrieben. Ein Beispiel dafür ist die DECA, eine Vereinigung von Ärzten zur „Dokumentation von Erfahrungsmaterial der Chinesischen Arzneitherapie“. Es wird von Erfolgen berichtet, insbesondere bei „austherapierten“ Patienten, etwa bei der Behandlung von chronisch entzündlichen Erkrankungen und bei neurologischen Krankheitsbildern. All das hatte aber gesundheitspolitisch bislang kaum Folgen. Immerhin hat man sich im Bundesausschuss mit Wirkung ab 1.1.2007 darüber geeinigt, Akupunktur bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und des Kniegelenks als Kassenleistungen anzuerkennen. Dem gingen groß angelegte Modellversuche zur Überprüfung der Wirksamkeit von Akupunktur voraus („Gerac-Studien“).

In der Schweiz werden die Behandlungskosten von EMR-anerkannten, nicht-ärztlichen TCM-Therapeuten weitgehend durch die Zusatzversicherungen gedeckt. Die Zulassung für TCM-Therapeuten ist föderalistisch geregelt, hauptsächlich gelten die Anforderungen des Schweizerischen Berufverbandes für TCM (SBO-TCM), welcher sich wiederum nach den hohen, internationalen Standards der NCCAOM und ETCMA richtet. Diverse Schulen (offizielle Liste) sind vom SBO-TCM empfohlen und bieten mehrjährige, umfangreiche Vollzeitausbildungen an. Von den ärztlichen Behandlungsmethoden mit TCM kann seit 2006 nur noch Akupunktur über die Grundversicherung abgerechnet werden, alle übrigen Therapiemethoden der TCM können durch eine allenfalls abgeschlossene Zusatzversicherung rückvergütet werden. Die Standards für ärztliche Fähigkeitsausweise für TCM werden hauptsächlich durch den Dachverband der schweizerischen, ärztlichen TCM Verbände (ASA) gesetzt.

In Wien gibt es eine Privatuniversität, die sich gänzlich der Forschungs- und Lehrarbeit im Bereich der traditionellen chinesischen Medizin verschrieben hat, die TCM Privatuniversität Li Shi Zhen.

Kritik

In der naturwissenschaftlich geprägten Medizin (insbesondere der evidenzbasierten Medizin) ist die Wirksamkeit vieler Behandlungsmethoden der TCM umstritten und wird bezweifelt. In einigen Fällen werden empirisch belegte Wirkungen auf Placeboeffekte und psychologische Wirkmechanismen (Zuwendung des Arztes/Pflegepersonals) zurückgeführt. Unabhängig von Wirksamkeit oder Unwirksamkeit von Behandlungsansätzen der TCM sind die behaupteten Wirkmechanismen (Polaritäten, Energien, Meridiane, ...) ohne naturwissenschaftliche Grundlage und können als dem Bereich der Pseudowissenschaften zugehörig betrachtet werden.

Von den therapeutischen Verfahren der TCM ist bisher nur die Akupunktur gesundheitspolitisch in öffentlicher Diskussion. Insbesondere die chinesische Phytotherapie mit ihrem Potential zur Behandlung chronischer Erkrankungen ist für die Gesundheitspolitik bislang kein Thema.

Anlass zu Debatten gaben die Akupunkturstudien, insbesondere die Gerac-Studien, deren letzte im Januar 2007 publiziert wurde. Es sind die aufwändigsten und teuersten Untersuchungen, die über Akupunktur je angestellt wurden. Finanziert wurden sie von deutschen Krankenkassen. Es wurden drei Behandlungsarten miteinander verglichen: die durch Akupunktur, die durch eine Scheinakupunktur und die durch eine konventionelle Standardtherapie. Als Ergebnis kam heraus, dass die Werte für die Scheinakupunktur nicht signifikant schlechter waren als die für die korrekt durchgeführte Nadelung. Beides jedoch war deutlich wirksamer als die konventionelle Therapie. Daraus wurde der Schluss gezogen: Akupunktur ist eine wirksame Therapie. Auf die Ausbildung zum Akupunkteur freilich kann man verzichten. Es ist unwichtig, wie die Nadeln gesetzt werden.

Die Studien haben heftige Kritik ausgelöst. Es wurden Einwände gegen Design und Durchführung erhoben, welche die Validität der Studienergebnisse grundsätzlich in Frage stellen. Die beiden wichtigsten sind:

- „Entblindung“ der Probanden: Die Patienten, auch die in Akupunktur unerfahrenen, konnten leicht in Erfahrung bringen, ob sie eine korrekte („verum“) oder eine bloß vorgetäuschte („sham“) Akupunktur erhalten haben. Es fragt sich, wie viele von denen, die getäuscht werden sollten, sich Zusatztherapien verschafft haben. Die Probanden wurden für ihre Teilnahme mit hohen Geldbeträgen angelockt, die nicht ausgezahlt worden wären, wenn sie die Zusatztherapie offenbart hätten.

- Die Akupunkturpunkte wurden nach Schema vorgegeben. Die Diagnose nach chinesischer Manier ist aber individuell. Ein Kopfschmerz zum Beispiel ist Symptom einer Störung, die von Patient zu Patient durch Verfahren wie Zungen- und Pulsdiagnostik und durch geduldige Anamnese abgeklärt werden muss. An welchen Punkten die Nadeln zu setzen sind, lässt sich überhaupt erst nach einer solchen Diagnose entscheiden. Es gibt für den seriösen TCM-Arzt kein Schema, nach dem Kopfschmerzen mit Akupunktur nachhaltig zu behandeln wären. Das Fazit, das man aus Sicht solcher Kritiker aus den Studien ziehen kann, lautet: Auch schlechte Akupunktur ist erfolgreicher als die mit ihr verglichenen konventionellen Therapien.

Es gab Berichte von Vergiftungfällen bei der Anwendung von chinesischen Arzneien. Soweit Verunreinigung durch Pestizide, Schwermetalle u. a. im Spiel ist, lässt sich die Gefahr ausschließen, wenn man sich die Arzneien in Apotheken besorgt. Die Apotheken in Deutschland beziehen ihre Ware auf Wegen, die der Kontrolle der Arzneimittelbehörden unterworfen sind. Auf den Ladentisch des Apothekers darf nur, was mittels vorgeschriebener Verfahren analysiert worden ist und bestimmte Qualitätsmerkmale erfüllt. Unerwünschte Wirkungen können aber auch Arzneien bei unsachgemäßer Einnahme zeigen. Tatsächlich sind chinesische Abkochungen von Pflanzenteilen nicht mit unseren Heiltees vergleichbar. Es handelt sich um hochwirksame Drogen, die schwere Störungen hervorrufen können, wenn sie zur falschen Zeit oder vom falschen Patienten eingenommen wurden.

Es wurde über Leberschäden diskutiert, die durch chinesische Arzneien, auch kunstgerecht gehandhabt, möglicherweise herbeigeführt würden. Dazu gibt es eine „Langzeitstudie über mögliche Nebenwirkungen der chinesischen Kräuter“.

Dem Booming der TCM ist wohl die Unüberschaubarkeit zu verdanken. Auf dem Akupunkturmarkt zum Beispiel werden die verschiedensten Qualifikationen und Fortbildungen angeboten. Die Ausbildung des einen Akupunkteurs ist mit der des andern oft kaum noch vergleichbar.

Anlass zur Kritik gibt auch immer wieder die Verwendung von Substanzen oder Teilen von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind. Der südchinesische Tiger, obwohl stark gefährdet, wird nach wie vor zur Gewinnung von Rohstoffen für die TCM bejagt. Die Schuld daran wird man nicht der TCM geben können. Es sind die TCM-Nutzer, die so oder so entscheiden. Die chinesische Arzneimedizin ist im Kern und im weit überwiegenden Maß eine Pflanzenheilkunde. An zweiter Stelle steht das Mineralische. Das Tierische ist marginal.

Siehe auch

Akupunktur, Tuina, Moxibustion, Ernährung nach den 5 Elementen, Phytotherapie, Pharmakologie, Kneipp, Bafa

Literatur

  • Dan Bensky, Andrew Gamble: Chinese Herbal Medicine. Materia Medica, revised edition, Seattle (Eastland Press) 1993, ISBN 0-939616-15-7 (Standardwerk)
  • Ute Engelhardt, Carl-Hermann Hempen: Chinesische Diätetik - Grundlagen und praktische Anwendung. 3. Auflage, Urban & Fischer, München/Jena 2002, ISBN 3-5411-1871-7.
  • Claudia Focks (Hrsg.), Norman Hillenbrand: Leitfaden Chinesische Medizin. 4. Auflage. Urban und Fischer, München/Jena 2003, ISBN 3437564811
  • Fritz Friedl, Einführung in die Chinesische Medizin, in: E.A. Stöger., F. Friedl (Hrsg.), Arzneibuch der chinesischen Medizin, 2. Aufl., Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 978-3769219654
  • Jochen Gleditsch: Traditionelle Chinesische Medizin II. In: Zentrum zur Dokumentation für Naturheilverfahren: Dokumentation der besonderen Therapierichtungen und natürlichen Heilweisen in Europa. Bd. 1.2. Essen 1991, ISBN 3886990257
  • Johannes Greten: Kursbuch traditionelle chinesische Medizin: TCM verstehen und richtig anwenden. Thieme, Stuttgart/New York 2003, ISBN 3131216611
  • Thomas E. Heise: Chinas Medizin bei uns. Zur Rezeption der traditionellen chinesischen Medizin in der Bundesrepublik Deutschland 1950-1982. Med. Diss. Bochum 1984
  • Ted J. Kaptchuk, Das große Buch der chinesischen Medizin, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2006, ISBN 978-3596171231
  • Giovanni Maciocia: Die Grundlagen der chinesischen Medizin: ein Lehrbuch für Akupunkteure und Arzneimitteltherapeuten. Verlag für traditionelle chinesische Medizin Dr. Erich Wühr, Kötzting 1994, ISBN 3927344079
  • Thomas Ots: Traditionelle Chinesische Medizin I. In: Zentrum zur Dokumentation für Naturheilverfahren: Dokumentation der besonderen Therapierichtungen und natürlichen Heilweisen in Europa. Bd. 1.2. Essen 1991, ISBN 3886990257
  • Manfred Porkert, Die theoretischen Grundlagen der chinesischen Medizin, 2. Aufl., Hirzel, Stuttgart 1982, ISBN 978-3777603698
  • Manfred Porkert: Klinische chinesische Pharmakologie, 2. Aufl. Dinkelscherben (Phainon) 1994, ISBN 3-89520-006-9
  • Manfred Porkert: Neues Lehrbuch der chinesischen Diagnostik, Dinkelscherben (Phainon) 1993, ISBN 3-89520-005-0
  • Christian Schmincke, Das Fibromyalgiesyndrom und die chinesische Medizin, in: P.A. Berg (Hrsg.), Chronisches Müdigkeits- und Fibromyalgiesyndrom, Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 2003, S. 199 - 212, ISBN 978-3540441946
  • Christian Schmincke, Chinesische Medizin für die westliche Welt, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 2004, ISBN 978-3540000587
  • Claus C. Schnorrenberger: Lehrbuch der chinesischen Medizin für westliche Ärzte. Die theoretischen Grundlagen der chinesischen Akupunktur und Arzneiverordung. 3. Auflage, Hippokrates, Stuttgart 1985, ISBN 9783777307305'
  • Weizhong Sun, Arne Kappner: Tuina-Therapie: Atlas zur Behandlung von Erwachsen und Kindern. Hippokrates-Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-7773-1808-6
  • Paul U. Unschuld: Medizin in China - eine Ideengeschichte. C. H. Beck, München 1980
  • Paul U. Unschuld: Chinesische Medizin. 2. Auflage C. H. Beck, München 2003

Weblinks

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