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Très Riches Heures

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Bild:Folio 38v - The Visitation.jpg
Das Blatt "Mariä Heimsuchung" im Stundenbuch des Herzogs von Berry

Das Stundenbuch des Herzogs von Berry (Très Riches Heures du Duc de Berry bzw. Très Riches Heures) ist eines der berühmtesten illustrierten Manuskripte des 15. Jahrhunderts. Es ist ein ausgesprochen reichhaltig verziertes Stundenbuch, das über 200 Blätter enthält, von denen etwa die Hälfte ganzseitig illustriert sind.

Es wurde in der Zeit zwischen 1412 und 1416 von den Brüdern von Limburg für ihren Dienstherren Johann von Berry gemalt, jedoch nicht fertiggestellt, da sowohl ihr Dienstherr als auch die drei Brüder Jan, Paul und Hermann im Laufe des Jahres 1416 starben (möglicherweise an einer Pestepidemie). Herzog Karl I. aus dem Haus Savoyen beauftragte Jean Colombe, die Malereien zu vervollständigen. Das Manuskript wurde in den Jahren 1485 bis 1489 fertiggestellt. Das überaus reich ausgestattete Werk enthält zahlreiche sehr humorvolle Anspielungen in den Randzeichnungen. So ist beispielsweise in der linken unteren Ecke des Blattes "Mariae Heimsuchung" ein auf einer Schubkarre sitzendes Schwein zu sehen, das Dudelsack spielt, und ein Pfarrer versucht, mit der Leiter Vögel zu fangen.

Inhaltsverzeichnis

Der Auftraggeber Herzog von Berry

Johann von Berry war der dritte Sohn von Johannes dem Guten, König von Frankreich. Seine Brüder waren der französische König Karl V. und der Herzog des Burgund, Philipp II. Jean Duc de Berry gilt als einer der größten Kunstmäzene der Geschichte. In seinem Herrschaftsgebiet wurden zu seinen Lebzeiten zahlreiche Kirchen und Schlösser restauriert oder neu errichtet. Seine Sammelleidenschaft galt wertvollen Preziosen, Raritäten aus der Natur, Porträts von Zeitgenossen, wie auch Stundenbüchern.

Bedeutung des Stundenbuches

Das Stundenbuch zählt aufgrund seiner prächtigen Ausstattung und der kunstvollen Ausgestaltung zu den Meisterwerken der Buchmalerei. Durch die Kalenderblätter dieses Werkes erfahren wir sehr viel über die Lebensformen der damaligen Zeit. Die Kalenderblätter sind in dieser Handschrift zur Hauptsache geworden. Während die "normalen" Stundenbücher eher zeichenhaft Jahreszeiten und Monatsarbeiten wiedergeben, sind den einzelnen Monaten in dieser Handschrift ganzseitige Bilder gewidmet, die die für den Monat typischen Tätigkeiten vor einer von der jeweiligen Jahreszeit geprägten Landschaft zeigt. Dabei ist im Hintergrund jeweils eines der Schlösser des Herzogs oder des französischen Königs zu sehen. Im oberen Bereich des Bildes ist in einem Bogen jeweils die herrschende Planetengottheit und das jeweilige Sternzeichen des Mondes dargestellt.

Die einzelnen Kalenderblätter

Der Januar

Zu Lebenszeiten der Brüder Limburg wurde der Monat Januar angedeutet, indem man in einem Medaillon den doppelköpfigen Gott Janus darstellte. Die Brüder Limburg haben dieses Motiv in ihrem Kalenderblatt für den Monat Januar aufgegriffen und leicht abgewandelt.

Die Rolle des Janus hat hier der Duc de Berry, der Herzog von Berry, eingenommen, der dem Bildbetrachter sein Profil zuwendet. Gehüllt ist er in ein leuchtend blaues Gewand, das in kostbarem Ultramarinblau, der Lieblingsfarbe des Herzogs, gemalt wurde.

Der Monat Januar
Der Monat Januar

Blau ist auch die Bank, auf der der Herzog Platz genommen hat. Neben ihm sitzt nur eine einzige weitere Person - allerdings in gebührendem Abstand. Dargestellt ist vermutlich Martin Gouge de Charpaigne, Bischof von Chartres, der zu den bevorzugten Gesprächspartnern des Herzogs zählte, und wie dieser ein großer Freund aufwändiger Handschriften und Buchmalereien war.

Die besondere Rolle, die der Herzog auf diesem Kalenderblatt innehat, ist auch durch den Wandschirm betont, der ihn vor der Hitze des Feuers schützen soll. Der Wandschirm wirkt wie ein Nimbus, vor dessen gelblicher Farbe sich das blaue Gewand und die Pelzmütze des Herzogs abheben. Direkt über dem Wandschirm befindet sich ein Baldachin, auf dessen rotem Untergrund sich das blaue Lilienwappen und die beiden Wappentiere des Herzogs, der Schwan und der Bär, abheben. Die Kombination der goldenen Fleurs de lys auf blauem Grund (das traditionelle Symbol der Krone von Frankreich) mit den persönlichen Wappentieren des Herzogs weist diesen als Angehörigen der königlichen Familie aus.

Ein in den Farben des Baldachins livrierter Zeremonienmeister ruft die zum Neujahrsempfang Zugelassenen herbei. Die Eintretenden heben die Handflächen zum Feuer, um sich zu wärmen. Eine Geste, die im Mittelalter so selbstverständlich ist, dass das Feuer selbst als Erklärung nicht benötigt oder, wie hier, nur angedeutet wird. (Auch die Strohmatten auf dem Fußboden sollen gegen die Kälte schützen.) Unter den neu Eingetretenen befinden sich zwei Männer mit grauen Wollmützen. Bei ihnen könnte es sich um (Selbst-)Porträts von Paul von Limburg (rechts) und einem seiner Brüder handeln. Hinter dem Herzog stützt sich ein junger Mann lässig auf die Rückenlehne der Sitzbank. Die Geste demonstriert Vertraulichkeit; es dürfte sich um einen Verwandten des Herzogs, wenigstens aber um einen jungen Fürsten aus seinem Gefolge handeln. Die Identität des Dargestellten konnte bislang allerdings nicht geklärt werden.

Am rechten Bildrand ist ein typisches mittelalterliches Tafelgerät zu sehen, ein sogenanntes Salzschiff. Das Tafelgerät ist in den Inventarverzeichnissen des Herzogs ausführlich beschrieben und ist ebenfalls von Bär und Schwan gekrönt. Das Pendant zu dem Salzschiff befindet sich an der linken Bildseite. Dort zeigt das Schaubord weitere Gerätschaften aus der Gold- und Silberkammer des Herzogs und darunter zwei Höflinge, die mit einzelnen Gerätschaften hantieren. Derartige Pokale, Schalen, etc. finden nicht nur auf der Tafel Verwendung, sondern sind auch als Geschenke beliebt. Mit ihnen wird belohnt, manchmal auch bezahlt, und es ist denkbar, dass die auffällige Schaustellung auf dem Bord links aus Anlass dieses Neujahrsempfangs in einem solchen Kontext zu sehen ist.

Die Tapisserie, die den Raum nach hinten abschließt, zeigt - wie aus dem nur unvollständig entzifferbaren Text hervor geht - eine Szene aus dem Trojanischen Krieg, in den Kostümen der Entstehungszeit um 1400 („Historische“ Darstellungen setzen sich erst später durch).

Der Februar

In deutlichem Kontrast zum höfischen Prunk des Januar-Blattes zeigt der Februar eine Szene aus dem Leben der einfachen Leute. (Fast 90 % der Menschen jener Zeit arbeiten in der Landwirtschaft; viele sind Unfreie in den verschiedensten regionalen Ausprägungen).

Unter dunkelgrauem Himmel zeigt sich die weiß verschneite Landschaft umso intensiver und deutlicher konturiert. Im Hintergrund duckt sich ein verschneites Dorf zwischen den Hügeln. Ein Mann mit einem Esel schreitet darauf zu. Ein anderer Mann schlägt Holz, und im Vordergrund findet sich das traditionelle Motiv für den Februar: Ein Mann, der sich wärmt.

Der Maler hat die Wand des Hauses weg gelassen, sodass man das Bauernpaar und die elegante Dame (deren Anwesenheit erklärungsbedürftig bleibt) dabei beobachten kann, wie sie – genau wie in der herrschaftlichen Burg – die Hände zum Feuer erheben, um sich zu wärmen, die universale Geste in kalter Jahreszeit. Das Feuer ist das Zentrum des Hauses: Kochstelle, Licht- und Wärmequelle zugleich. Das Bauernpaar zieht ungeniert die Kleidung hoch, um die Wärme heran zu lassen. Die adlige Dame wendet den Kopf ab: Noch sind Anstands- und Schamregeln standesabhängig; können sich wohl auch nur heraus bilden und befolgt werden, wo Menschen nicht ganz so eng zusammen leben, wie in der bäuerlichen Hütte. Auf dem Fußboden gibt es keine Wärme dämmenden Strohmatten, an den Wänden hängt Wäsche an Stelle wertvoller Tapisserien.

Draußen sieht man Bündel von Feuerholz. Die großen, kräftigen Scheite gehören in die Kamine der Herrschaft. Die Bauern bekommen, was übrig bleibt. Aus dem Kamin steigt Rauch auf.

Die Schafe drängen sich eng zusammen. Elstern suchen in nächster Nähe nach Futter, da sie sonst im gefrorenen Boden nichts finden. Die Bienenstöcke sind leer. Im Herbst wurden sie ausgeräuchert, neue Völker fängt man im Frühling (Honig ist der wichtigste Süßstoff jener Zeit). Das große Gebilde, das an einen Wachturm erinnert, ist ein Taubenhaus: Tauben gelten auch im Mittelalter als Delikatesse. Eine vor Kälte dick vermummte Gestalt strebt dem Haus zu.

Das Februar-Blatt zeigt insgesamt eine naturnahe Empfindung, die zu jener Zeit noch sehr selten ist.

Der März

Die Brüder Limburg zeigen im März-Bild die ersten bäuerlichen Arbeiten des Jahres, stellen unterschiedliche Szenen einander gegenüber in einer ausgedehnten Landschaft am Fuß des Château de Lusignan. (Edmond Pognon vermutet allerdings, dass das Blatt zunächst unvollendet blieb und erst um 1450 von einem nicht näher identifizierten Künstler vollendet wurde.)

Oben links weidet ein Schäfer mit seinem Hund seine Schafe. Darunter erscheint das traditionelle Motiv für den März: Das Beschneiden der Weinstöcke, das hier von drei Bauern besorgt wird. Am rechten Rand eines weiteren clos, in dem diese Arbeit bereits erledigt ist, findet sich ein kleines Haus. Darunter siebt ein Bauer Korn in einen Sack. Ein kleines Bauwerk im Zentrum der Wegkreuzung, das als Montjoie bekannt ist, trennt die verschiedenen Bildteile voneinander. (Ein ähnliches Motiv findet sich in der Begegnung der Heiligen Drei Könige, Folio 51v.)

Im Vordergrund wird der Acker gepflügt. Ein alter Bauer mit weißem Bart führt mit der linken Hand den Pflug, während er mit der rechten das Ochsengespann lenkt. (Der Anteil der Menschen, die zu jener Zeit das achte Lebensjahrzehnt erreichen, wird auf etwa 10% geschätzt.) Die beiden Ochsen haben unterschiedliche Farben, die bräunliche Haut des vorderen Tieres hebt sich vom Schwarz des nur im Umriss erkennbaren hinteren deutlich ab. Jedes Detail des Pflugs ist sorgfältig wiedergegeben. Die Pflugschar reißt die von winterlich dürrem Gras bedeckte Erde auf; die gezogenen Furchen sind an den schon vertrockneten Grashalmen zu erkennen. Die Darstellung ist bereits zu ihrer Entstehungszeit veraltet: Der vom - sehr viel kräftigeren - Pferd gezogene Räderpflug hatte das Ochsengespann seit dem 12. Jahrhundert weitgehend verdrängt. (Dass sie in einer solchen Prachtillustration weiter aufscheint, mag zweierlei Gründe haben: Einerseits die damalige Gleichgültigkeit dem gegenüber, was heute als „Fortschritt“ von eminenter Bedeutung ist, andererseits das historisch belegte Desinteresse des Herzogs an den tatsächlichen Lebensumständen des einfachen Volkes.)

Die bäuerlichen Szenen werden überragt vom mächtigen Château de Lusignan, über dem die Fee Melusine in Form einer goldenen geflügelten Schlange schwebt. Mythische Ahnfrau derer von Lusignan und Schutzherrin der Burg, die sie der Sage nach in einer einzigen Nacht erbaute, tauchte sie immer auf kurz bevor die Burg den Besitzer wechselte. Die Künstler haben die verschiedenen Teile des Château exakt wieder gegeben: die Tour Poitevine unterhalb der Fee, die Wohngebäude, die Tour Mélusine, die Tour de L'Horloge, die Barbakane und den doppelten Mauerring. Château de Lusignan gehörte zu des Herzogs Lieblingsresidenzen. Doch war es zunächst von den Engländern besetzt und musste lange von seinen Leuten belagert werden. Als diese die geflügelte Schlange erblickten, so heisst es, wussten sie, dass der Sieg unmittelbar bevor stand.

Der März ist die erste der großen Landschaftsdarstellungen, wie sie die Brüder Limburg in den Très Riches Heures bevorzugen. Er wird mit solcher Genauigkeit dargestellt, dass spekuliert wurde, sie hätten sich optischer Instrumente bedient, um eine derartige Präzision der Proportionen zu erreichen. Die Feinheit des Pinselstrichs führt zu außerordentlicher Detailgenauigkeit, ohne indes von der großartigen Schlossanlage abzulenken, die machtvoll vor dem Blau des Himmels aufragt. Schloss Lusignan wurde 1575 zerstört.

Der April



Literatur

  • Jean Longnon/Raymond Cazelles: Les Très Riches Heures du Duc de Berry, Musée Condé, Chantilly, 1969
  • Edmond Pognon: Les Très Riches Heures du Duc de Berry (dt.: Das Stundenbuch des Herzogs von Berry), 1979
  • Les Très Riches Heures du Duc de Berry (engl.)

Fernsehdokumentation

  • Ein Jahr im Mittelalter gemalt im Stundenbuch des Herzogs von Berry, NDR 1982



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