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Schweizer Hochdeutsch

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Parkverbotsschild am Basler Rheinufer

Der Ausdruck Schweizer Hochdeutsch bezeichnet das Standarddeutsch in der Schweiz (gemeint ist hier also nicht der linguistische Begriff Hochdeutsch im Gegensatz zu Niederdeutsch, sondern eine Hochsprache im Gegensatz zu einem Dialekt). Auch das schweizerische Standarddeutsch unterscheidet sich von den nicht standardiserten Schweizer Dialekten. Es hebt sich jedoch auch in zahlreichen Begriffen und Wendungen von den Standarddeutsch Deutschlands und Österreichs ab.

Das standardisierte Schweizer Hochdeutsch ist also nicht mit den zahlreichen nicht standardisierten alemannischen Dialekten zu verwechseln, welche in der Deutschschweiz als Umgangssprache aller sozialen Schichten dienen und oft mit dem Sammelbegriff Schweizerdeutsch bezeichnet werden. Das Standarddeutsch wird in der Schweiz (wie auch in weiteren deutschsprachigen Gebieten) auch Schriftdeutsch genannt.

Im Vergleich mit anderen (nationalen) Varietäten der deutschen Standardsprache lassen sich für das Schweizer Hochdeutsch in allen Bereichen des Sprachsystems mehr oder weniger grosse Abweichungen nachweisen: nicht nur die Aussprache, sondern auch Syntax (Satzbau), Lexikon (Wortschatz), Morphologie (Wortbildung) und Orthographie (Rechtschreibung) zeigen Eigenheiten. Diese sprachlichen Besonderheiten werden als Helvetismen bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Schriftliche Verwendung

In der Deutschschweiz dient das schweizerische Standarddeutsch als die schriftliche Standardsprache. Sie wird insbesondere von den Schweizer Medien verwendet und hat einen hohen Anteil an Helvetismen (gilt auch für die Neue Zürcher Zeitung), bei der Boulevardpresse (etwa Blick, 20 Minuten) zusätzlich an Dialektwörtern. Das schweizerische Standarddeutsch wird auch bei amtlichen Texten benutzt und zumeist auch im betrieblichen und privaten Briefverkehr. Bei manchen Firmen ist die schriftliche Standardsprache Englisch. Die Benutzung der Dialekte in Schriftform ist die Ausnahme (Werbung, Inserate wie Todesanzeigen, Kontaktanzeigen); deren Orthographie ist kaum genormt.

Mündliche Verwendung

Gesprochen wird Schweizer Hochdeutsch in einigen klar umrissenen Situationen: Im Schulunterricht, bei Veranstaltungen, mit der Teilnahme von Nichtschweizerdeutschen, in Lehrveranstaltungen an Hochschulen, in Nachrichtensendungen der staatlichen Sender, in den Parlamenten einiger Deutschschweizer Kantone und – sofern nicht eine andere Landessprache Verwendung findet – bei Debatten im eidgenössischen Parlament. Hochdeutsch sind beispielsweise auch die Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen. Alle diese Verwendungskontexte sind formell und auf Öffentlichkeit bezogen; in fast allen spielt auch geschriebene Standardsprache eine wichtige Rolle.

In Alltagssituationen wird Schweizer Hochdeutsch nur mit Menschen gesprochen, die Dialekt nicht verstehen. Als mündliche Umgangssprache zwischen Deutschschweizern hat es praktisch keine Funktion; hier kommt fast ausnahmslos der eigene Dialekt zum Zug. Dabei spielt es keine Rolle, aus welcher sozialen Schicht die Sprechenden stammen oder welche Themen besprochen werden. Wenn ein Deutschschweizer sein Gegenüber ein Standarddeutsch sprechen hört und deutlich wird, dass die Person Dialekt nicht versteht, wechselt er oft nicht vom Dialekt zum Standarddeutsch. Oder er spricht Standarddeutsch, bis andere Deutschschweizer zum Gespräch stossen; dann wechselt der Deutschschweizer sehr oft wieder zum Dialekt.

Dialekt und Standarddeutsch stehen in einem Diglossie-Verhältnis zueinander: beide Sprachformen haben deutlich getrennte Funktionen und Geltungsbereiche. Es gibt also in der Schweiz zwischen den beiden Polen Dialekt und Standarddeutsch keine graduellen Abstufungen bzw. Übergänge.

Drei Erklärungsansätze

Das Schweizer Standarddeutsch tönt in den verschiedenen deutschsprachigen Regionen unterschiedlich; man kann erkennen, woher der Sprechende stammt. Dabei spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle:

Interferenz

Das Standarddeutsch fast aller Schweizer weicht in der Aussprache von der Standardlautung, wie sie der Duden beschreibt ab. Der Grund dafür ist, dass die Schweizer Dialekte die korrekte Aussprache „stört“. Dieses Phänomen wird als Interferenz bezeichnet. Beispiel: Der Laut ch im Verb möchte [ˈmœçtʰə] wäre auf Standarddeutsch eigentlich als palataler Frikativ wie in „ich“ auszusprechen; Schweizer sind gewohnt, im Dialekt ausnahmslos den uvularen Frikativ (wie in Standarddeutsch „ach!“) zu verwenden, was dazu führen kann, dass sie auch ein standarddeutsches chte mit uvular gefärbtem Frikativ aussprechen. Bemerkenswert ist, dass schon innerhalb der Schweiz Standarddeutsch je nach Dialektregion unterschiedlich ausgesprochen wird; Berner sprechen also ein leicht anders gefärbtes Hochdeutsch als St. Galler, weil ein Berner Dialekt andere Interferenzen verursacht als ein St.  Galler Dialekt.[1]

  • Dieser Ansatz nimmt an, Deutschschweizer würden zwar „versuchen“, die Standardsprache „richtig“ auszusprechen, wären dazu aber nicht in der Lage.

Sprachkonvention

Untersuchungen des Sprechverhaltens von Erst- und Zweitklässlern an Deutschschweizer Volksschulen zeigen aber, dass Erstklässler ein Standarddeutsch sprechen, das näher an der hochdeutschen Standardnorm ist als das Standarddeutsch von Zweit- und Drittklässlern. Gelernt haben sie es ausserhalb der Schule, wobei das Fernsehen eine wichtige Rolle spielt. Erstklässler zeigen zum Beispiel eine standardsprachlich korrektere Aussprache der „Ich“- und „Ach“-Laute als Zweitklässler. Schulkinder lernen also in den ersten Schuljahren, wie Schweizer Standarddeutsch zu klingen hat, passen ihre Artikulation an und entfernen sich dabei vom Standarddeutsch Deutschlands. Dass Deutschschweizer eine erkennbar schweizerische Form der Standardsprache sprechen, ist demnach als Resultat eines Lernprozesses und der Anpassung an eine Sprachkonvention zu sehen. Triebfeder hinter dieser Anpassung sind das Streben nach Konformität und der Wunsch, von der Sprachgemeinschaft als Mitglied anerkannt zu sein.[2]

  • Dieser Ansatz versteht Schweizer Hochdeutsch als eine Varietät, für die eine eigenständige Sprachkonvention existiert: in der Gemeinschaft der Sprecher herrscht demnach eine „recht weitgehende Übereinkunft darüber, welche Varianten für die schweizerische Standardsprache [= Schweizer Hochdeutsch] angemessen sind und welche nicht“.[3]

Schriftlichkeit

Weil die Standardsprache kaum ausserhalb des Schulunterrichts gesprochen wird, ist der Einfluss der Schule auf die Qualität der Standardsprache sehr gross. Die Sprache – auch die mündliche – ist aber im Unterricht sehr stark auf Prinzipien der Schriftlichkeit ausgerichtet: ein typisch schriftliches Prinzip ist beispielsweise die Forderung, ganze Sätze zu machen, ein syntaktisches Merkmal schriftlicher Sprache sind längere Sätze mit komplexeren Konstruktionen, und das Lexikon der geschriebenen Sprache zeigt eine grössere Wortvarianz (Vielfalt) und mehr Adjektive. Gesprochene Sprache dient im Schulunterricht zudem oft nur vordergründig der Kommunikation und wird viel stärker danach beurteilt, ob sie korrekt verwendet wird – wobei als korrekt das gilt, was auch geschrieben werden kann. Die Untersuchung mündlicher Erzählungen von Schulkindern zeigt, dass mit zunehmendem Schulungsniveau der Grad an Mündlichkeit in der gesprochenen Sprache abnimmt; die Erzählung einer Sechstklässlerin zeigt im Vergleich zur Erzählung einer Erstklässlerin zwar einen „elaborierteren“ Satzbau, ist zugleich aber „papieren“ und „steif“ – dafür aber aufschreibbar. Die Sechstklässlerin hat im Sprachunterricht nicht ihr Ausdrucksvermögen verbessert, sondern gelernt, wie man Bildergeschichten nacherzählen soll.[4] Eine vergleichende Untersuchung von süddeutschen und Nordwestschweizer Schülerinnen der Primarstufe zeigt, dass sich die Standardsprachen der beiden Gruppen stark unterscheiden: die deutschen Kinder zeigen beispielsweise eine deutliche Tendenz zu Totalassimilationen (ham für haben) und reduzierten nasalen Formen wie der Verkürzung des unbestimmten Artikels ( 'n Haus – ein Haus, 'ne Blume – eine Blume). Bei den Schweizer Sprecherinnen kommen reduzierte nasale Formen praktisch nicht vor, die Endsilbe -en wird häufig voll realisiert (wir gehen statt wir gehn). Die Schweizer Sprecherinnen verzichten auf die beschriebenen Verschleifungen und halten damit viel häufiger die – korrekte – standardlichen Vollformen ein als die Schülerinnen aus Süddeutschland; gerade diese Verschleifungen erleichtern aber die Artikulation und vereinfachen den Sprachfluss.[5]

  • Gemäss diesem Ansatz führt der Schulunterricht in der Deutschschweiz dazu, dass Schweizer ein möglicherweise übermässig korrekt gesprochenes Hochdeutsch anstreben; dabei orientieren sie sich einseitig an Qualitätskriterien, die eigentlich für die geschriebene Sprache gelten. Darunter leiden die sprachliche Spontaneität und die Eloquenz des mündlichen Hochdeutsch.

Einstellung gegenüber der gesprochenen Standardsprache

Viele Deutschschweizer drücken sich nur ungern mündlich in der Standardsprache aus. Dies betrifft nicht nur „bildungsferne“ Schichten der Bevölkerung, sondern auch Akademiker. Deutschschweizer sind oft der Meinung, ihr mündliches Standarddeutsch sei schwerfällig und klinge mit dem Schweizer Akzent nicht eigentlich „deutsch“.

Dabei spielt das besonders seit dem Dritten Reich nicht konfliktfreie Verhältnis der Schweizer mit Deutschland eine Rolle. Tatsächlich wird Hochdeutsch, obwohl eine Landesprache, nicht als eigene Sprache der Schweiz, sondern als „Fremdsprache“, als Sprache Deutschlands empfunden. Dies zeigt sich auch im verhältnismässig geringen Echo, das die Rechtschreibreform 1996 in der deutschen Schweiz gefunden hat.

Das in vielen Teilen Deutschlands belächelte „Schwyzerdütsch“ ist in Wahrheit meist Schweizer Standarddeutsch. Echtes Schweizerdeutsch verstehen viele Deutsche nicht oder kaum (wenn, dann hauptsächlich Südbadner, deren Dialekt, auf Grund der alemannischen Gemeinsamkeit, gleiche Sprachfärbungen aufweist (gerissenes „ch“, rollendes „r“, breite Ausführung der Umlaute)). Geübten Deutschschweizer Sprechern kann es umgekehrt aber durchwegs passieren, dass sie im Norden Deutschlands für Süddeutsche gehalten werden.

Neueste Entwicklungen

Die Unlust der Deutschschweizer, sich im mündlichen Gebrauch der Standardsprache zu bedienen, führt oft zu Konflikten mit Schweizern nichtdeutscher Muttersprache: Da diese in der Schule nur die hochdeutsche Standardsprache lernen, haben sie Schwierigkeiten mit dem Verständnis des Dialekts. Dies führt zu Verständnisschwierigkeiten über die Sprachgrenzen hinweg, umso mehr als die Französischkenntnisse der Deutschschweizer ebenfalls meist nicht ausreichend sind. Auf der Ebene der Wirtschaft wird (auch) deshalb in letzter Zeit vermehrt Englisch als Lingua franca verwendet.

Die mittelmässigen Resultate von Deutschschweizer Schülern im sprachlichen Bereich der Pisa-Studie führten dazu, dass die Förderung der Standardsprache wieder vermehrt verlangt wird (Stand 2003). Zu beachten ist hier jedoch auch der höhere Anteil von fremdsprachlichen Kindern im Vergleich zu Spitzenreitern wie Finnland.

Um der mangelhaften aktiven Beherrschung der Standardsprache abzuhelfen und ein positiveres Verhältnis zu dieser „Fremdsprache“ herzustellen, soll in vielen Kantonen von 2005 an schon im Kindergarten konsequent Hochdeutsch als Unterrichtssprache gesprochen werden. Deshalb warnen Dialektfreunde bereits vor einer Zurückdrängung der schweizerdeutschen Mundarten.

Siehe auch

Quellen

  1. Siebenhaar, Beat: Regionale Varianten des Schweizerhochdeutschen. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 61 (1994) S. 55.
  2. Hove, Ingrid: Die Aussprache der Standardsprache in der Schweiz, Niemeyer, Tübingen 2002 (Reihe Phonai: Texte und Untersuchungen zum Gesprochenen Deutsch, Bd. 47)
  3. Zitat aus: Hove, Ingrid: Die Aussprache der Standardsprache in der Schweiz, S. 6
  4. Sieber, Peter / Sitta, Horst: Mundart und Standardsprache als Problem der Schule, Sauerländer, Aarau 1986
  5. Ostermai, Guido: Sprachvariationen im Grenzbereich: eine Untersuchung zur Standardsprache nordwestschweizer und südbadischer Primarschülerinnen, Aarau, Sauerländer 2000 (Reihe Sprachlandschaften; Bd. 24)

Literatur

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