Das Fotonexus-Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Milgram-Experiment
Aus Fotonexus.
Das Milgram-Experiment ist ein erstmals 1962 durchgeführtes wissenschaftliches Experiment, das von dem Psychologen Stanley Milgram entwickelt wurde, um die Bereitschaft durchschnittlicher Personen zu testen, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte und Überblick
Angeregt wurde Milgram durch den Psychologen Jerome D. Frank, der bereits 1944 der Frage nachging, wovon die Gehorsamsbereitschaft willkürlich ausgewählter Personen abhängt (Frank verlangte damals von seinen Probanden den Verzehr von zwölf geschmacklosen Keksen. Der Gruppe wurde gesagt, dass der Verzehr salzloser Kekse wissenschaftlich notwendig sei. Überraschend weigerten sich nur zehn Prozent der Teilnehmer, die Kekse herunterzuwürgen). Das Milgram-Experiment sollte ursprünglich dazu dienen, Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus sozialpsychologisch zu erklären. Dazu sollte die "Germans are different"-These geprüft werden, die davon ausging, dass die Deutschen einen besonders obrigkeitshörigen Charakter haben. Nach den Ergebnissen der Untersuchung in New Haven schien dies jedoch nicht mehr notwendig, auch weil die Untersuchung in ihrem Aufbau wesentlich grundsätzlicher angelegt war.[1] Milgram erhielt für diese Arbeit 1964 den jährlich vergebenen Preis der American Association for the Advancement of Science in der Kategorie Sozialpsychologie. Die American Psychological Association hingegen schloss Milgram wegen des Experimentes für ein Jahr aus, nachdem ein Kritiker ihm in der Zeitschrift American Psychologist vorgeworfen hatte, ein „traumatisierendes“ Experiment vorgenommen zu haben, das „potenziell schädlich“ für die Versuchspersonen sei. Vor allem wegen dieser Kritik, die auch von zahlreichen anderen Fachleuten geäußert wurde, verweigerte die Harvard University Milgram später eine Anstellung. Milgram selbst notierte in seinem Tagebuch, es sei „ethisch fragwürdig, … Menschen in das Labor zu locken und sie in eine Lage zu bringen, die belastend ist.“
Die Ergebnisse des Milgram-Experiments wurden zunächst in einem Artikel mit dem Titel: Behavioral study of obedience veröffentlicht, der in dem renommierten Journal of abnormal and social psychology (Bd. 67, 1963 S. 371-378) erschien. 1974 publizierte Milgram sein Werk: Obedience to Authority: An Experimental View, in dem er die Ergebnisse in einen breiteren Kontext einordnete. Die deutsche Ausgabe kam im selben Jahr heraus.
Milgram bezieht sich darin u.a. auf das 1963 in New York erschienene Werk der politischen Theoretikerin Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Dieses Konzept der Banalität des Bösen, so argumentiert er, komme der Wahrheit sehr nahe. Die fundamentalste Erkenntnis der Untersuchung sei, dass ganz gewöhnliche Menschen, die nur ihre Aufgabe erfüllten und keinerlei persönliche Feindschaft empfänden, zu Handlungen in einem Vernichtungsprozess veranlasst werden könnten.[2]
Der US-amerikanische Historiker Alfred W. McCoy wirft Milgram vor, dieser habe das Experiment im Rahmen eines CIA-Programms zur Forschung über Bewusstseinskontrolle durchgeführt. Darauf deute nicht nur der Zeitpunkt hin, sondern auch „das Thema, die militärischen Verbindungen, die umstrittene Finanzierung durch die NSF und deren Ablehnung aller späteren Projekte Milgrams“. Diese Vorwürfe werden auf der Webseite von Milgrams Biograph Thomas Blass ausführlich diskutiert und bestritten[3].
Ablauf
Eine Versuchsperson und ein Vertrauter des Versuchsleiters, der vorgab, ebenfalls Versuchsperson zu sein, sollten an einem vermeintlichen Experiment zur Untersuchung des Zusammenhangs von Bestrafung und Lernerfolg teilnehmen. Ein offizieller Versuchsleiter (Experimentator) bestimmte den Schauspieler durch eine fingierte Losziehung zum „Schüler“, die tatsächliche Versuchsperson zum „Lehrer“. Die Verabreichung eines elektrischen Schlags von 45 Volt sollte der Versuchsperson die körperlichen Folgen von elektrischen Schlägen vergegenwärtigen. Zudem wurde das an einen elektrischen Stuhl erinnernde Versuchsinventar gezeigt, auf dem der „Schüler“ getestet werden sollte. Diese Versuchsanordnung mit der gewollten Assoziation wurde von den Probanden zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt.
Der Versuch bestand darin, dass der „Lehrer“ dem „Schüler“ bei „Fehlern“ in der Zusammensetzung von Wortpaaren jeweils einen elektrischen Schlag versetzte. Dabei wurde die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erhöht. In Wirklichkeit erlebte der Schauspieler keine elektrischen Schläge, sondern reagierte nach einem vorher bestimmten Schema, abhängig von der eingestellten Spannung. Erreichte die Spannung beispielsweise 150 Volt, verlangte der Schauspieler, von seinem Stuhl losgebunden zu werden, da er die Schmerzen nicht mehr aushalte. Dagegen forderte der dabei sitzende Experimentator, dass der Versuch zum Nutzen der Wissenschaft fortgeführt werden müsse. Wenn der „Lehrer“ Zweifel äußerte oder gar gehen wollte, forderte der Experimentator in vier standardisierten Sätzen zum Weitermachen auf. Die Sätze wurden nacheinander, nach jedem Zweifel der Versuchsperson, gesprochen und führten nach dem vierten Mal zu einem Abbruch des Experimentes seitens des Versuchsleiters. Damit die Sätze immer gleich ausfielen, wurden sie vorher mit dem Schauspieler eingeübt, insbesondere auch, um einen drohenden Unterton zu vermeiden.
- Satz 1: „Bitte, fahren Sie fort!“ Oder: „Bitte machen Sie weiter!“
- Satz 2: „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen!“
- Satz 3: „Sie müssen unbedingt weitermachen!“
- Satz 4: „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“
Es gab noch zwei weitere Standardsätze in antizipierten Verlaufssituationen: Wenn die Versuchsperson fragte, ob der „Schüler“ einen permanenten physischen Schaden davontragen könne, sagte der Versuchsleiter: „Auch wenn die Schocks schmerzvoll sein mögen, das „Gewebe“ (tissue) wird keinen dauerhaften Schaden davontragen, also machen Sie bitte weiter!“. Auf die Aussage des „Lehrers“, der „Schüler“ wolle nicht weitermachen, wurde standardmäßig geantwortet: „Ob es dem Schüler gefällt oder nicht, Sie müssen weitermachen, bis er alle Wörterpaare korrekt gelernt hat. Also bitte machen Sie weiter!“
Eine Variation betraf die Nähe zwischen „Lehrer“ und „Schüler“. Dabei wurden folgende vier experimentelle Bedingungen gestellt:
- die Versuchsperson konnte den „Schüler“ weder sehen noch hören, sie nahm nur einen Schlag an die Wand bei dem Erreichen der 300-Voltgrenze wahr,
- der Lehrer hörte die Reaktionen des Schülers über einen Lautsprecher,
- Lehrer und Schüler befanden sich nicht in einem Raum und
- die Versuchsperson hatte direkten Kontakt zu dem Schauspieler.
In der letzten Versuchsanordnung musste der Proband, geschützt durch einen Handschuh, die Hand des „Schülers“ auf eine Metallplatte drücken, die vermeintlich elektrisch geladen war. Zudem wurde die Präsenz des Versuchsleiters variiert, der entweder direkt im Raum, nur über Telefon erreichbar oder abwesend sein konnte. Die Instruktionen erfolgten im letzten Fall über ein Tonbandgerät.
Spannung Reaktion des „Schülers“ 75 V Grunzen 120 V Schmerzensschreie 150 V sagt, dass er an dem Experiment nicht mehr teilnehmen will 200 V Schreie, „die das Blut in den Adern gefrieren lassen“ 300 V Er lehnt es ab zu antworten über 330 V Stille
Der „Schüler“ war in diesem Fall ein unauffälliger Amerikaner irischer Abstammung und repräsentierte einen Menschentyp, mit dem Fröhlichkeit und Gelassenheit verbunden wurde. Mit dieser Auswahl sollte eine Beeinflussung der Handlungsweise durch eine mentale Disposition des Probanden vermieden werden. Zudem war es wichtig, dass die Versuchspersonen weder von dem Versuchsleiter noch von dem „Schüler“ unbeabsichtigt beeinflusst werden konnten. Der „Lehrer“ konnte selbst bestimmen, zu welchem Zeitpunkt er das Experiment abbrechen wollte. Der Versuchsleiter verhielt sich neutral, selbst seine Kleidung war in einem unauffälligen Grauton gehalten. Er wirkte und handelte zwar bestimmt, nicht aber autoritär.
Die Versuchspersonen wurden über eine Anzeige in der Lokalzeitung von New Haven gesucht, wobei die angegebene Gage (4 US-Dollar plus 50 Cents Fahrtkosten) schon für das bloße Erscheinen in Aussicht gestellt wurde. Das Experiment fand in der Regel in einem Labor der Yale Universität statt und war in der Anzeige als unter der Leitung von Prof. Stanley Milgram stehend gekennzeichnet. In einer der Varianten wurde das Experiment nach draußen verlegt.
Ergebnisse
Folgende Tabelle gibt die Anzahl der Versuchspersonen (Vpn) (N=40), die das Experiment abbrachen, in Abhängigkeit der Stärke der letzten applizierten „Schocks“ wieder.
Spannung (Volt) Anzahl Vpn: Abbruch bis 300 V 0 300 V 5 315 V 4 330 V 2 345 V 1 360 V 1 375 V 1 390 V bis 435 V 0 450 V 26
Folgende Tabelle gibt den Zusammenhang zwischen einigen variierenden Versuchsbedingungen, dem Anteil der Versuchspersonen (Vpn), die den maximalen Schock versetzten, und die dazugehörige durchschnittliche Schockstärke an.
Bedingungen Anteil der Vpn: Maximum ø Spannung Fernraum 65,0 % 405 V akustische Rückmeldung 62,5 % 367,5 V Raumnähe 40,0 % 312 V Berührungsnähe 30,0 % 268,2 V
Das Ergebnis des ersten Experimentes war derart überraschend, dass Milgram über zwanzig Varianten mit jeweils abweichenden Parametern durchführte. In der ersten Versuchsreihe waren 62,5 % der Versuchspersonen bereit, den „Schüler“ mit einem elektrischen Schlag mit den maximalen 450 Volt zu „bestrafen“; allerdings empfanden viele einen starken Gewissenskonflikt. Kein „Lehrer“ brach das Experiment ab, bevor die 300-Volt-Grenze erreicht war. In der vierten Versuchsanordnung, in der die Versuchspersonen den direkten Kontakt zum „Schüler“ hatten, war die erreichte Volt-Stufe am niedrigsten. Die Abwesenheit des Versuchsleiters bewirkte, dass die Gehorsamsrate dreimal niedriger ausfiel als in der Versuchsanordnung mit seiner Anwesenheit. In einer Versuchsanordnung, in der Frauen die Elektroschocks austeilen sollten, ergab sich kein signifikanter Unterschied in der Abbruchrate gegenüber Versuchen mit männlichen Probanden.
Das Ergebnis einer Erweiterung des Experiments im Jahre 1965 war, dass der Anteil der bedingungslos gehorchenden Probanden stark abnahm (auf 10 %), sobald zwei weitere vermeintliche „Lehrer“ an dem Experiment teilnahmen, die dem Versuchsleiter Widerstand entgegensetzten. Befürworteten die zwei „Lehrer“ allerdings die Fortführung des Experimentes, so folgten dem 90 % der Probanden.
In einer Variante des Versuchs, in der zwei Versuchsleiter den Versuch leiteten und dabei Uneinigkeit über die Fortsetzung des Experimentes vorspielten, wurde das Experiment in allen Fällen von der Versuchsperson abgebrochen.
Drängte eine „zweite Versuchsperson“ statt des Versuchsleiters auf die Fortsetzung des Experimentes, so applizierten „nur“ 25 % der Versuchspersonen den maximalen Schock.
Die Autorität des Versuchsleiters blieb erhalten, wenn dieser die Rolle des „Schülers“ übernahm, das heißt, auf die Bitte um Abbruch folgte dieser unverzüglich.
Bei zwei Versuchsleitern, von denen einer die faktische Rolle des Versuchsleiters übernahm, wohingegen der andere VL den „Schüler spielte“, gingen 65 % der Teilnehmer bis zum Maximum; das heißt, nicht der allgemeine Status, sondern die situationsspezifische Funktion ist ausschlaggebend.
Bei einer weiteren Variation gab sich der Versuchsleiter nicht als Forscher der renommierten Universität Yale aus, sondern als Wissenschaftler des fiktiven kommerziellen „Research Institute of Bridgeport“, dessen Räume sich in einem heruntergekommenen Bürogebäude eines Geschäftsviertels in Bridgeport (Connecticut) befanden. Hier sank die Zahl der Probanden, die die höchste Spannung einsetzten, von 65 % auf 48 %. Dieser Unterschied ist allerdings nicht statistisch signifikant.
Bei einer anderen Variation verließ Milgram den Raum und ließ einen Schauspieler, der sich als Proband darstellte, das Experiment leiten. Hier sank der Anteil der Probanden, die bis zur Höchststufe gingen, auf 20 %.
Das Experiment ist in unterschiedlichen Varianten in anderen Ländern wiederholt worden. Die Ergebnisse bestätigten generell einander, was eine kulturübergreifende Gültigkeit der Ergebnisse zeigt.
Reaktion der Versuchspersonen
Alle Versuchspersonen zeigten einen aufgewühlten Gemütszustand, hatten Gewissenskonflikte und waren aufgeregt. Ein Beobachter beschrieb die emotionale Lage eines Lehrers folgendermaßen: „Ich beobachtete einen reifen und anfänglich selbstsicher auftretenden Geschäftsmann, der das Labor lächelnd und voller Selbstvertrauen betrat. Innerhalb von 20 Minuten war aus ihm ein zuckendes, stotterndes Wrack geworden, das sich rasch einem Nervenzusammenbruch näherte. Er zupfte dauernd an seinem Ohrläppchen herum und rang die Hände. An einem Punkt schlug er sich mit der Faust gegen die Stirn und murmelte: ‚Oh Gott lass uns aufhören‘. Und doch reagierte er weiterhin auf jedes Wort des Versuchsleiters und gehorchte bis zum Schluss.“
Es zeigte sich, dass Personen, die die persönliche Verantwortlichkeit für ihr Verhalten hoch veranschlagten, das Experiment eher abbrachen und dem Versuchsleiter widersprachen.
Um den ethischen Aspekten gerecht zu werden, erhielten die Probanden nach Abschluss der Versuchsreihe detaillierte Informationen über das Experiment und deren Ergebnisse. Um eventuelle Langzeitschäden zu erkennen, wurden in einer Stichprobe die Versuchspersonen ein Jahr nach dem Experiment erneut besucht und befragt. Das Experiment zeigte keine schädlichen Auswirkungen auf die Psyche der Versuchspersonen. 84 % der Teilnehmer gaben an, im Nachhinein froh zu sein, an dem Experiment teilgenommen zu haben. Nur ein Proband von Hundert bedauerte seine Teilnahme. Die meisten Teilnehmer gaben an, etwas über sich gelernt zu haben und Autoritätspersonen daher in Zukunft misstrauischer gegenüberstehen zu wollen.
Folgen und Folgerungen
Heutzutage würde ein vergleichbares Experiment von der Mehrzahl der Psychologen als unethisch zurückgewiesen werden, da es die Versuchspersonen einem starken inneren Druck aussetzt und sie über den wahren Zweck des Experiments täuscht. An vielen Universitäten stellte man als Reaktion auf diesen Versuch ethische Richtlinien über die Zulassung von psychologischen Experimenten auf. Ob das gewonnene Wissen bei Militär und Geheimdiensten Anwendung fand, ist nicht bekannt.
Milgram kommentierte die Ergebnisse seines Experiments so: „Die rechtlichen und philosophischen Aspekte von Gehorsam sind von enormer Bedeutung, sie sagen aber sehr wenig über das Verhalten der meisten Menschen in konkreten Situationen aus. Ich habe ein einfaches Experiment an der Yale-Universität durchgeführt, um herauszufinden, wie viel Schmerz ein gewöhnlicher Mitbürger einem anderen zufügen würde, einfach weil ihn ein Wissenschaftler dazu aufforderte. Starre Autorität stand gegen die stärksten moralischen Grundsätze der Teilnehmer, andere Menschen nicht zu verletzen, und obwohl den Testpersonen die Schmerzensschreie der Opfer in den Ohren klingelten, gewann in der Mehrzahl der Fälle die Autorität. Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen, einer Autorität fast beliebig weit zu folgen, ist das Hauptergebnis der Studie, und eine Tatsache, die dringendster Erklärung bedarf.“ (aus: The Perils of Obedience).
Bis heute gilt der Autoritätsgehorsam theoretisch als nur unzureichend geklärt. Obwohl Milgram eine Persönlichkeitsbasis für Autoritätsgehorsam und Verweigerung vermutete, konnte er diese nicht belegen. Statt dessen ging er von zwei Funktionszuständen aus: einem Zustand der Autonomie, in dem das Individuum sich als für seine Handlungen verantwortlich erlebt, und einem „Agens-Zustand“, in den es durch den Eintritt in ein Autoritätssystem versetzt wird und nicht mehr aufgrund eigener Zielsetzungen handelt, sondern zum Instrument der Wünsche anderer wird.
Das Experiment zeigte, dass die meisten Versuchspersonen durch die Situation veranlasst wurden, sich an den Anweisungen des Versuchsleiters und nicht an dem Schmerz der Opfer zu orientieren. Die Veranlassung war am wirksamsten, wenn der Versuchsleiter anwesend war und am wirkungslosesten, wenn die Instruktionen per Tonband oder Telefon erfolgten. Auch die Nähe zum „Schüler“ beeinflusste die Bereitschaft zum Abbruch des Versuches. So gingen ohne Rückmeldung der „Schüler“ praktisch alle Versuchspersonen bis zur höchsten Schockstufe, während beim direkten Kontakt nur noch 30 % die Höchststufe erreichten.
Methodische Kritik
Zwei wesentliche methodische Aspekte wurden an dem Versuchsaufbau kritisiert:
- Das Experiment sei nicht einer rein zufälligen Fallauswahl gefolgt und es ließen sich somit keine gesicherten Aussagen über die Repräsentativität, z. B. für die gesamte amerikanische Bevölkerung, treffen.
- Man müsse bei den Experimenten Effekte berücksichtigen, die den Versuchsablauf beeinflussten, etwa den Umstand, dass allein das Bewusstsein, an einem Test teilzunehmen, die Einstellung der Testperson verändere (sog. Hawthorne-Effekt) oder die Tatsache, dass die Erwartung des Experimentators unterschwelligen Einfluss auf das Verhalten der Versuchspersonen nehme (Pygmalioneffekt).
Psychologische und soziologische Erklärungsversuche
Dieses Experiment gehört in den Grundlagenbereich der Sozialpsychologie, bei der das Verhalten eines Einzelnen in der Gruppe untersucht wird. Als mögliche Begründung für das Verhalten der Versuchspersonen kann der Wunsch der Testperson gesehen werden, das freiwillig begonnene Experiment auch tatsächlich abzuschließen und den Erwartungen der Wissenschaftler zu entsprechen. Hinzu kommt, dass die Versuchssituation für die Probanden neu war und deshalb kein erlerntes Handlungsmuster existierte. Ein anderer Erklärungsversuch zielt auf den graduellen Charakter des Experimentes ab, der psychologisch alltäglichen Verhaltensmustern entspricht, diese aber durch die kontinuierliche Steigerung der „Bestrafungsbereitschaft“ sukzessive in Richtung außerordentlicher Verhaltensweisen verschiebe. Dies mache die Abschätzung der Folgen für die Probanden schwierig. Dazu passe, dass das Verhalten der Probanden durch die Veränderung situationaler Variablen, etwa der Distanz zum Schüler oder der Anwesenheit des Versuchsleiters, beeinflusst werde, nicht durch das Vorliegen einer charakterlichen Disposition. Soziologisch ist das Experiment daher als Beleg für die Wirksamkeit der Norm des Gehorsams gesehen worden. Über die Sozialisation erlerne das Individuum Gehorsamkeit und Unterordnung. Zunächst im familiären System, später in der Institution Schule. In beiden gesellschaftlichen Kontexten, die für die Prägung des Individuums entscheidend seien, werde Folgsamkeit und Unterordnung positiv sanktioniert. Die Gehorsamkeitsnorm ist an Institutionen und Individuen gebunden, die über einen hohen sozialen Status und/oder Autorität verfügen. Denn wie sich in den Variationen des Versuches andeutete, sinkt mit dem sozialen Status des Versuchsleiters die Bereitschaft zur Gehorsamsleistung. Insbesondere wenn die Autorität in einen bürokratischen Prozess eingebunden ist, der die Delegation der Verantwortung auf eine Institution ermöglicht, steigt die Chance auf Gehorsam selbst bei Befehlen, die als unmoralisch empfunden werden.
Reaktionen
Das Experiment wurde vielfach als Beleg dafür verstanden, dass fast jeder Mensch unter bestimmten Bedingungen bereit ist, nicht seinem Gewissen zu folgen, sondern einer Autorität. Daher wird es zur Erklärung der Frage herangezogen, warum Menschen foltern oder Kriegsverbrechen begehen. Wegen seiner spektakulären Ergebnisse wurde das Experiment in einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Die New York Times titelte zum Beispiel: „Fünfundsechzig Prozent folgen in einem Test blind dem Befehl, Schmerzen zuzufügen“. Andere Blätter kritisieren Milgram und die Yale Universität für die Zerreißprobe, vor die sie die Probanden stellten.
Auch gab es sehr unterschiedliche Interpretationen der Ergebnisse und der konditionierenden Faktoren. Erich Fromm etwa behauptete, Grund für die Bereitschaft, dem Versuchsleiter zu gehorchen, sei das besonders hohe Ansehen, das die Wissenschaft als Institution in Amerika besäße. Das entscheidende Ergebnis sei nicht die Zahl der Teilnehmer, die die Schüler mit den höchsten Spannungen bestraften, sondern der bei fast allen Teilnehmern beobachtbare ausgeprägte Gewissenskonflikt. Die Zahl der Teilnehmer ohne Gewissenskonflikt sei bei Milgram jedoch nicht genannt. Fromm sieht die Berichte über die innere Aufgewühltheit und das Leiden der Probanden beim Handeln gegen das eigene Gewissen als Beleg für die Stärke des moralischen Bewusstseins [4].
Psychosomatische Reaktionen
Arno Gruen hat sich mit einer Frage beschäftigt, die Milgram in seinem Bericht nicht erwähnt hat.
- Was geht in einem Menschen vor, der einen anderen aus Gehorsam quält? Der mit ansieht, wie sich sein Opfer unter Schmerzen windet und trotzdem mit der Bestrafung fortfährt? Milgram ging dieser Frage nicht weiter auf den Grund. Auf meine Nachfrage bestätigte er mir jedoch in einem Briefwechsel, dass die Mehrheit seiner "gehorsamen" Probanden während des Experiments psychosomatische Störungen entwickelten. Sie schwitzten, zitterten, fingen an zu stottern, bissen sich auf die Lippen und litten unter Krämpfen. Das heißt, dass sie die Schmerzen des anderen durchaus empathisch miterlebten, was auch aus den Untersuchungsprotokollen ersichtlich ist. Sie ließen sich jedoch durch ihre psychosomatischen Reaktionen auf das Leiden ihres Opfers in keinster Weise in ihrem Tun beeinflussen. Die Not des anderen, seine Schmerzen, sein Leid, seine Verzweiflung, drangen also nicht wirklich in ihr Bewußtsein vor, obwohl es eindeutige psychosomatische Reaktionen darauf gab. Möglicherweise bedeutet dies, dass das Auftreten psychosomatischer Reaktionen bereits ein Anzeichen einer Entfremdung von der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Gefühlen ist.[5]
Künstlerische Umsetzung
Aus dem Jahr 1973 stammt ein Theaterstück des britischen Autors Dannie Abse mit dem Titel The Dogs of Pavlov, das durch die Untersuchung inspiriert ist.
1976 sendete die CBS einen Film namens The Tenth Level, in dem William Shatner einen an Milgram angelehnten Charakter spielte, der ein ähnliches Experiment durchführte.
Regisseur Henri Verneuil hat das Milgram-Experiment in seinen Film I wie Ikarus aus dem Jahr 1979 eingebaut. Vordergründig handelt der Film von den Geschehnissen rund um den Präsidentenmord (Parallelen zum Attentat auf John F. Kennedy waren wohl erwünscht) in einem imaginären Staat.
Die deutsche Fernseh-Dokumentation Abraham – Ein Versuch, entstanden 1970 am Max-Planck-Institut in München (Forschungsstelle für Psychopathologie und Psychotherapie), zeichnet das deutsche Nachfolge-Experiment optisch in allen Einzelheiten nach [1]. Die Ausstrahlung sorgte gerade im Zusammenhang mit der deutschen Geschichte für Diskussionen.
Im Jahr 1986 nahm der Musiker Peter Gabriel, der Milgram bewunderte, ein Lied mit dem Titel We Do What We're Told (Milgram's 37) auf.
Siehe auch
- Autorität
- Feindbild
- Die Welle
- Stanford-Prison-Experiment
- Gruppenzwang
- Weihnachtsfrieden (Erster Weltkrieg)
- Psychologisches Experiment
- Autonomie
- Kooperation
- Menschenversuch
- Painstation
Literatur
- Stanley Milgram: Behavioral study of obedience. in: Journal of abnormal and social psychology. Lancaster Pa 67,1963, 371-378.
- Stanley Milgram: Obedience to Authority. An Experimental View. Harper, New York 1974, 1975. ISBN 006131983X (Dt. Das Milgrm-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Reinbek bei Hamburg 1974, (14. Auflage 1997) ISBN 3-4991-7479-0
- Stanley Milgram: The Perils of Obedience. Abridged and adapted from Obedience to Authority. in: Harper's Magazine. 1974. ISSN 1045-7143
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Milgram-Experiment, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
- D. Baumrind: Some thoughts on ethics of research, after reading Milgram's 'Behavioral study of obedience. in: American Journal of Psychology. University of Illinois Press, Champaign Ill 1964,19, 421-423. ISSN 0002-9556
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Milgram-Experiment, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
- Thomas Blass: Obedience to authority. Current perspectives on the Milgram paradigm. Erlbaum, Mahwah NJ 2000. ISBN 0-8058-2737-4
- Thomas Blass: The Man Who Shocked the World - The Life and Legacy of Stanley Milgram. Basic Books, New York 2004. ISBN 0-7382-0399-8
- Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Rowohlt, Reinbek 1985, 1969. ISBN 3-499-17052-3
- Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen. Organisationssoziologische Interpretation simulierter Brutalitäten. in: Zeitschrift für Soziologie. Lucius & Lucius Verl.-mbH, Stuttgart 2005, H 2. {ISSN|0340-1804}}
- Steven Schwartz: Wie Pawlow auf den Hund kam…. Beltz Psychologie heute. Heyne, München 1993. ISBN 3-407-85102-2
- Alfred W. McCoy: Foltern und Foltern lassen. 50 Jahre Folterforschung und -praxis von CIA und US-Militär. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff. Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 2005, S.44-47. ISBN 3-86150-729-3
- Stefan Mühlbauer: Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Tötungshemmschwelle. Dissertation Uni Heidelberg. Lit, Münster 1999. ISBN 3-8258-4183-9 (hierin: ausführliche Analyse der vom Bundesgerichtshof hergeleiteten Rechtsgrundsätze zur Tötungshemmschwelle beim Vorsatz des Täters anhand der Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus dem Milgram-Experiment)
Quellen
- ↑ http://www.longroad.ac.uk/accreditation/subject_psychology/core_studies/milgram/milgram_answers.pdf
- ↑ Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Reinbek bei Hamburg 1982, S. 22.
- ↑ Milgram CIA Link
- ↑ The Anatomy of Human Destructiveness, dt. Anatomie der menschlichen Destruktivität
- ↑ Arno Gruen in Hass in der Seele, Verstehen, was uns böse macht, HERDER spektrum, Band 5154, 2001, von Arno Gruen/Doris Weber, S.90, 91
Weblinks
- Nachgestellter Unterrichtsfilm (englisch, Windows Media Player erforderlich)
- Artikel über das Experiment
- Abraham – Ein Versuch: Arbeitsmaterialien zum Film - Ausführlicher Bericht zum Thema (PDF-Datei)
- Weiterer Artikel über das Experiment
- Milgram und die Bombe (Registrierung notwendig)
- Wissenschaftler haben das bekannte Milgram-Experiment in einer immersiven VR-Umgebung wiederholt - Telepolis
| Dieser Artikel wurde in die Liste exzellenter Artikel aufgenommen. |
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Milgram-Experiment, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Milgram-Experiment, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
