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Memelland

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Bild:Memelland 1923-1939.png
Das Memelland, besetzt von Litauen von 1923 bis 1939

Als Memelland (litauisch Klaipėdos kraštas) wurde zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg jener Landesteil Ostpreußens bezeichnet, der nördlich der Memel gelegen ist, 1920 von Deutschland abgetrennt wurde und heute zu Litauen gehört. Im deutschen Sprachraum wird der Begriff auch heute noch für diese Region verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Vor der Zugehörigkeit des späteren Memellandes zu einem Staat waren die baltischen Stämme der Schalauer und Kuren dort sesshaft. Die Kuren (der Name bedeutet „schnell zur See”) galten als die Wikinger der Ostsee und werden in der Island-Saga erwähnt. Dänische Überlieferungen bezeugen, dass sie als Piraten gefürchtet waren. Es gab jedoch auch Handels- und Heiratsbeziehungen der Schalauer mit Dänemark. Die Schalauerburg Ruß an der Memel galt als Ausgangspunkt dieser Beziehungen. Während die übrigen südlichen prußischen Stämme sich gegen den Deutschen Orden zu wehren hatten, gab es im Memelland friedliche Beziehungen zu den Wikingern. Über die Nehrungen wurden auch Beziehungen mit Mitteldeutschland und zu den Goten unterhalten. Entlang der Flusswege gab es Beziehungen bis in den nördlichen Kaukasus, mit den Litauern im Osten und Slawen im Süden.

Nach der Eroberungen durch den Schwertbrüderorden ab 1200 und dem Bau der Festung Memelburg bzw. der Stadt Memel ab 1250 durch den Deutschen Orden wurde das Memelland ab 1328 dem Ordensstaat zugeteilt. Im Vertrag von Melnosee erfolgte 1422 eine Grenzziehung zu Litauen, die 500 Jahre Bestand hatte.

Nach der Reformation wurde das Deutschordensland ab 1525 zum protestantischen Herzogtum Preußen, 1701 erhöht zum Königreich Preußen. Ostpreußen befand sich (außer kurz während der Zeit der Frankfurter Nationalversammlung 1848-51) bis 1871 stets außerhalb der Grenzen von Heiligem Römischen Reich und Deutschem Bund und war verfassungsrechtlich kein Teil Deutschlands, sondern ein unabhängiger deutscher Staat in Personalunion mit dem Kurfürstentum Brandenburg. Erst mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs wurde Ostpreußen durch Realunion zum nördlichsten Territorium Deutschlands. Die Grenze zwischen dem ostpreußischen Landesteil um die Memel und Litauen blieb von 1422 bis 1920 weitgehend unverändert, eine im Vergleich zum übrigen Europa seltene Stabilität, die nicht zuletzt auch im Lied der Deutschen festgehalten wurde.

Zwischen den Weltkriegen

Nach dem Ersten Weltkrieg trennte der Vertrag von Versailles in seiner Festlegung der neuen Grenzen Ostpreußens (Artikel 28) das von nun an in Deutschland „Memelland” genannte Gebiet ohne Abstimmung vom Deutschen Reich und somit auch vom Rest Kleinlitauens ab. Deutschland musste sich außerdem bereit erklären, eine später von den Alliierten zu treffende staatliche Zugehörigkeit des Memellandes anzuerkennen (Artikel 99).

Diese Abtrennung wurde mit der dortigen litauischsprachigen Minderheit begründet, den so genannten Kleinlitauern. Ein minimaler Teil dieser Minderheit hatte im Akt von Tilsit eine Angliederung an Litauen gefordert. Große Teile auch der litauischsprachigen Bevölkerung des Memellandes fühlten sich jedoch eher zu Ostpreußen als zum neuen litauischen Nationalstaat zugehörig. Dazu kam ein starker kultureller Gegensatz: Die Memelländer waren zu mehr als 95 % evangelisch, während das übrige Litauen katholisch war. Wirtschaftlich und kulturell war das Memelland viel weiter entwickelt als Litauen, das lange Zeit unter russischer Herrschaft stand.

Seit 1920 gab es eine französische Verwaltung (Schutzherrschaft) des Memellandes. Litauen war als Staat noch nicht international anerkannt. Der neu gegründete Staat Litauen erhob Ansprüche auf das Gebiet, auch weil er einen sicheren Zugang zur Ostsee über den Hafen Memel erhalten wollte. Mit einem ähnlichen Argument von und für Polen wurde Danzig zur Freien Stadt erklärt, jedoch hat Polen in Gdingen gleichzeitig einen eigenen Hafen gebaut. Dies hat Litauen, das sehr wohl nördlich von Memel bei Polangen direkten Zugang zur Ostsee hatte, dort nicht getan. Zudem meldete Polen auch Ansprüche auf das Memelland und Litauen an.

Im Jahre 1922 grassierte in Deutschland die Inflation, die auch das Memelgebiet betraf. Zudem sollte es, laut einer vorläufigen Entscheidung der Botschafterkonferenz, auf mindestens zehn Jahre in einen Freistaat umgewandelt werden. Nun wollten die Litauer handeln. Am 15. Januar 1923, zeitgleich zur Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien, besetzten über 1.000 bewaffnete Litauer im Handstreich („Klaipeda-Revolte”) das Memelland und die Stadt Memel. Offiziell wurde dies als interner memelländischer Aufstand bezeichnet, die Aktion wurde jedoch von Litauen aus mit einem „Schützenbund” und Mitgliedern regulärer Truppen durchgeführt, in Zivilkleidung, aber markiert mit Armbinden (MLS, Mazosios Lietuvos sukilelis, kleinlitauischer Aufständischer). Unterstützung aus dem Memelland war dabei vernachlässigbar, bekannte Einheimische ließen sich nicht als „Anführer” anwerben, so dass der Anführer Jonas Polovinskas unter dem Namen eines ehemaligen deutschen Offizieres (Budrys) auftrat.[1]

Die 200 französischen Alpenjäger, von der Ausbildung und Ausrüstung her den Aufständischen überlegen, wurden zwar durch einige Hundert deutsche Polizisten und Freiwillige unterstützt, ließen sich aber nach zwei Tagen in ihre Kaserne und die Präfektur zurückdrängen. Auch diese wurde gestürmt, laut den Franzosen von angeblich über 5.000 Gegnern. Als Verluste gelten zwölf Aufständische, zwei Franzosen und ein deutscher Gendarm, dessen Familie zum Unwillen einiger Aufständischer von deren Führer finanziell entschädigt wurde.

Später per Schiff anreisende Truppen aus Frankreich und England traten angesichts der neuen Herrschaftverhältnisse unverrichteter Dinge wieder die Heimreise an. Auch in anderen Gebieten Europas fanden ähnliche Aktionen statt. Die Besetzung des von Frankreich kontrollierten Memelgebiets geschah angeblich[2] mit Billigung der deutschen Regierung bzw. von Reichswehrchef General Hans von Seeckt, angeblich unter Tolerierung der ostpreußischen Grenzpolizei und unglaubwürdigerweise auch mit Waffen aus deutscher Produktion. Dadurch erhoffte man sich, der litauischen Regierung nach eine Stärkung Litauens gegenüber Polen, einem gemeinsamen Gegner, der die litauische Hauptstadt Wilna besetzt hatte und Danzig bedrohte.

Diplomatisch konnte Litauen glaubhaft machen, dass es sich um einen Aufstand Örtlicher handelte, die den Anschluss suchten, und nicht auf Befehl der Regierung gehandelt wurde. Am 16. Februar 1923 erkannte die Botschafterkonferenz die Angliederung des Memelgebietes an Litauen als Faktum an und übergab die Hoheit über das Gebiet an Litauen. Am 19. Januar 1923 verließen die französischen Truppen und Verwalter das Land.

Der Anschluss wurde 1924 in der Memelkonvention vom Völkerbund anerkannt, allerdings wurde eine Autonomie des Memellandes innerhalb Litauens verlangt.

Die Wahl zum Landtag 1925 erbrachte hohe Stimmenanteile (> 80 %) für die deutschsprachigen, die Autonomie vertretenden Parteien. 1926 wurde per Kriegsrecht die Autonomie weitgehend aufgehoben, die weiteren Wahlergebnisse fielen aber weiter eindeutig gegen die Litauer Militärdikatur von Antanas Smetona aus.

Zweiter Weltkrieg und die Folgen

Am 22. März 1939, eine Woche nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren, wurde das Memelland von der litauischen Regierung, die andernfalls ein ähnliches Schicksal für ihr Land befürchtete, auf Druck der nationalsozialistischen Regierung an das Deutsche Reich zurückgegeben. Die Rückkehr nach Deutschland wurde sowohl von der deutschen Bevölkerung als auch von vielen (Klein)litauern, die von der Politik Litauens enttäuscht waren, unterstützt.

1944 marschierte die Roten Armee ein und das Memelland wurde Teil der Sowjetunion, die es, gemäß der Lage vor 1939, der litauischen SSR angliederte und vom heutigen Oblast Kaliningrad trennte.

Die Bevölkerung Kleinlitauens setzt sich seit Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Bewohner am Ende des Zweiten Weltkriegs sowie der danach erfolgten innersowjetischen Umsiedlung verstärkt aus Menschen des restlichen Litauens sowie Russlands zusammen. Alteingesessene Kleinlitauer und (zurückgekehrte) Deutsche gibt es nur noch recht wenige. Dadurch ist das seit der Reformation evangelisch geprägte Gebiet heute vorwiegend katholisch geworden.

Politik

Oberkommissare

(vom Völkerbund eingesetzt)

Gouverneure

(von der litauischen Regierung eingesetzt)

Landespräsidenten

Landtagswahlen

Der Landtag hatte 29 Sitze, einen für jeweils 5000 Einwohner. Frauen und Männer ab 24 hatten das Wahlrecht.[3] [4]

Jahr MLP
Memelländische
Landwirtschaftspartei
MVP
Memelländische
Volkspartei
SPM
Sozialdemokratische
Partei des Memelgebietes
AP
Arbeiterpartei
des Memellandes
KPM
Kommunistische Partei
des Memelgebietes
andere LVP
Litauische
Volkspartei
1925 38,1% - 11 Sitze 36,9% - 11 Sitze 16,0% - 5 Sitze Andere 9,0% - 2 Sitze
1927 33,6% - 10 Sitze 32,7% - 10 Sitze 10,1% - 3 Sitze 7,2% - 2 Sitze 13,6% - 4 Sitze
1930 31,8% - 10 Sitze 27,6% - 8 Sitze 13,8% - 4 Sitze 4,2% - 2 Sitze 22,7% - 5 Sitze
1932 37,1% - 11 Sitze 27,2% - 8 Sitze 7,8% - 2 Sitze 8,2% - 3 Sitze 19,7% - 5 Sitze

An 100% fehlende = Nicht im Landtag vertretene Wahlvorschläge

Jahr Deutsche Einheitsliste Großlitauische Parteien
1935 81,2% - 24 Sitze 18,8% - 5 Sitze
1938 87,2% - 25 Sitze 12,8% - 4 Sitze

Geographie

Die größte Stadt des Memellandes war Memel, das heutige Klaipėda.

Als neue Kreisstädte im durch die Abtrennung der südlich der Memel gelegenen Kreisstädte Tilsit und Ragnit neu zu strukturierenden Memelland wurden Heydekrug (Kreis Heydekrug) und Pogegen (Kreis Pogegen) ausgewiesen. Die litauischen Machtinhaber ab 1923 übernahmen diese Struktur.

Von den heutigen Bewohnern wird das Gebiet vielfach auch als Kleinlitauen bezeichnet, wobei diese Begriffe nicht deckungsgleich sind, da auch Gebiete südlich der Memel dazuzählen (heute Kaliningrad Oblast).

Quellen

  1. [1]
  2. [2]

Weblinks

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