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Lost

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Bild:Disambig-dark.svg Dieser Artikel behandelt die Kampfstoffe, die als Loste bezeichnet werden; für die gleichnamige US-amerikanische Fernsehserie siehe Lost (Fernsehserie).

Lost (benannt nach seinen Entwicklern Lommel und Steinkopf) ist ein hautschädigender chemischer Kampfstoff (Hautkampfstoff).

Schwefellost (S-Lost; Code: HD) wird auch als Senfgas, Yperit (da erstmals bei Ypern eingesetzt) oder Schwefelyperit bezeichnet. S-Lost wurde im Ersten Weltkrieg bei der 3. Flandernschlacht in Belgien erstmals eingesetzt.

Inhaltsverzeichnis

N-Lost

N-Loste (oder Stickstoffloste) gehören ebenfalls zu den Hautkampfstoffen. Im Gegensatz zum bekannteren S-Lost basiert das chemische Grundgerüst der N-Loste aber nicht auf Schwefel, sondern auf Stickstoff. N-Loste korrodieren ihre Behälter nicht so leicht wie S-Loste. Im Allgemeinen verläuft die Heilung von N-Lost-Wunden besser als von S-Lost-Wunden.

Sowohl S-Lost als auch N-Lost wurden auf Grund der Kennzeichnung der damit gefüllten Munition als Gelbkreuzkampfstoffe bezeichnet.

Auch wenn eine Hauptexpositionsweg durch inhalatorische oder perkutane Aufnahme von Dämpfen der Loste möglich ist, bleibt doch anzumerken, dass es sich bei keinem der Stoffe beider Substanzklassen um Gas, sondern um Flüssigkeiten handelt; N-Lost, hier HN3, wird allerdings im Allgemeinen als Hydrochlorid, also als Feststoff, eingesetzt. Diese werden durch die Zerlegerladung (bei Granaten) oder einer geeigneten Sprühvorrichtung in Form von Flüssig-Aerosolen oder, im Fall von N-Lost-Hydrochlorid, in Feststoff-Aerosole freigesetzt. Vermutlich wurde nach dem Ersteinsatz von Chlorgas der Begriff Giftgas unterschiedslos für alle anderen Kampfstoffe übernommen.

Geschichte

Erster Weltkrieg

Am 12. Juli 1917 setzten die deutschen Truppen das erste Mal Senfgas ein, um die Ausgangslage für den erwarteten britischen Angriff bei Ypern zu verbessern. Senfgas war wegen der entstellenden Verletzungen, die es verursacht, im letzten Jahr des ersten Weltkrieges zu einer der gefürchtetsten Waffen geworden. Allerdings wurden durch Senfgas weitaus weniger Soldaten getötet als durch Phosgen.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Senfgasbomben, soweit bekannt, nur ein einziges Mal eingesetzt, nämlich durch polnische Truppen zur Sprengung einer Brücke und zur Verminung einer Straßensperre in der Nähe von Jasło. Dabei wurden am 8. September 1939 zwei deutsche Soldaten getötet und zwölf verwundet. Man geht aber davon aus, dass dies die Entscheidung eines einzelnen polnischen Offiziers war. Aus diesem Grund unterblieben von Seiten der deutschen Truppen Vergeltungsmaßnahmen [1].

Bild:Mustard gas burns.jpg
Lost - Opfer in Behandlung während des Ersten Weltkrieges
Am 2. Dezember 1943 bombardierte die deutsche Luftwaffe den italienischen Hafen von Bari. Dabei wurde der unter anderem mit Senfgasgranaten beladene US-Frachter John Harvey getroffen und versenkt. Ein Teil der Ladung lief ins Wasser, ein anderer Teil wurde durch die Explosionen und die Brände in der Luft verteilt. Da auf Grund der Geheimhaltung nur wenige Personen in Bari von der Existenz dieser Ladung wussten und diese allesamt umkamen, konnten die Verwundeten zunächst nicht richtig behandelt werden. Genaue Zahlen über die Opfer existieren nicht. Es wird geschätzt, dass über 600 Soldaten und Angehörige der Handelsmarine verätzt wurden, von denen etwa 100 starben. Die Zahl der getöteten Zivilisten dürfte um die 1000 betragen. Dieser Vorfall hätte beinahe eine weitere Eskalation des Krieges ausgelöst, da die Alliierten zunächst davon ausgingen, dass das Giftgas von den Deutschen abgeworfen worden war. Eine im Hafenbecken gefundene Gasbombe wurde aber noch rechtzeitig als amerikanisches Modell identifiziert, so dass die Alliierten keinen (vermeintlichen) Gegenschlag durchführten.
Bild:Kopf eines Yperit Opfers.jpg
Lost - Opfer im Iran durch irakischen Lost-Einsatz 1980.

Während der NS-Zeit wurde bis 1942 in Halle-Ammendorf S-Lost produziert, kam aber im Zweiten Weltkrieg nicht zum Einsatz. Neben einem Werk in der Lüneburger Heide war die Ammendorfer Firma „ORGACID“ der größte Hersteller chemischer Kampfstoffe in Deutschland. Unter dem ehemaligen Firmengelände an der heutigen Camillo-Irmscher-Straße liegen acht weitverzweigte grüngeflieste Zisternen, die auf Grund fehlender Baupläne nur schwer zu entgiften waren und nach der Wende hermetisch versiegelt worden sind. Im Jahre 1990 wurden noch 30 Tonnen Giftstoffe durch das Grundwasser an die Oberfläche transportiert.

Nach 1945

Der irakische Diktator Saddam Hussein setzte am 16. März 1988 gegen Ende des Ersten Golfkriegs Senfgas gegen die 260 km nordöstlich von Bagdad gelegene Stadt Halabdscha ein. Unter den 70.000 Einwohnern gab es in der Folge ca. 5000 Tote und 7000 Verletzte (siehe dazu: Giftgasangriff auf Halabdscha).

Nach den beiden Weltkriegen wurde ein Großteil der verbliebenen deutschen Senfgasbestände in der Ostsee versenkt. Da das Lost aber allmählich aus den mittlerweile lecken Fässern austritt, finden sich an Stränden der Ostsee immer wieder kleine Lost-Klumpen, die Bernstein ähnlich sehen, aber ziemlich weich sind. Bei Hautkontakt können sich Verätzungen bilden.[1]

Lost wurde in folgenden Konflikten eingesetzt:

Toxizität

Lost ist ein starkes Hautgift und erwiesenermaßen krebserregend (carcinogen). Die Wirkung auf die Haut ist vergleichbar mit starken Verbrennungen oder Verätzungen. Es bilden sich große, stark schmerzende Blasen. Die Verletzungen heilen schlecht. Das Gewebe wird nachhaltig zerstört und die Zellteilung gehemmt. Großflächig betroffene Gliedmaßen müssen meistens amputiert werden. Werden die Dämpfe eingeatmet, so werden die Bronchien zerstört. Eine Entgiftung der Haut kann durch eine sofortige Behandlung durch Abwaschen mit starker Seifenlauge oder durch Besprühen der betroffenen Stellen mit Chlorkalk erfolgen. Ein Abdecken der betroffenen Körperregionen, beispielsweise durch Kleidung oder Decken, ohne vorherige Entgiftung verschlimmert die Symptome zusätzlich.

Die toxische Wirkung beider Lost-Varianten kommt durch die Bildung von hochreaktiven Verbindungen durch einen intramolekularen SN1-Angriffs des Stickstoffs oder Schwefels auf das mit Chlor verbundene Kohlenstoffatom (Nachbargruppenbeteiligung oder anchimere Unterstützung) zustande. Dabei bildet sich im Falle von N-Lost ein Aziridin oder Thiiran im Falle des S-Lost.

Das Auge reagiert am empfindlichsten auf S-Lostdampf. Die Folge ist eine im glimpflichen Fall vorübergehende Erblindung, da das massive Lidödem eine aktive Augenöffnung verhindert. Da die Augen bis zu einem gewissen Grad jedoch in der Lage sind, sich zu regenerieren, bestehen oftmals nach einer Dauer von einigen Monaten gute Heilungschancen und Aussicht auf das Wiedererlangen der Sehkraft.

Lost durchdringt poröses Material und bestimmte Gummi- und Kunststoffarten. Teilweise werden die Kampfstoffe mit Wachsen, Harzen oder Kunststoffen angereichert, um „Zäh-Lost“ zu schaffen, welches an Materialien haften bleibt und somit schwieriger zu entgiften ist.

Lager

Stand 2003 (AC-Schutzzentrum Spiez):

  • Russland: 40.000 t (militärisch nicht mehr einsetzbar; Vernichtungsprogramm in den Anfängen)
  • USA: 31.500 t (davon ca. 25 % zerstört)
  • Indien: mehrere tausend Tonnen (aktives Vernichtungsprogramm)
  • Iran: mehrere hundert Tonnen
  • Südkorea: mehrere tausend Tonnen (aktives Vernichtungsprogramm)
  • Nordkorea: mehrere tausend Tonnen

Eigenschaften

Schwefelloste (S-Lost)

Senfgas (Standard-Schwefellost)

Bis(2-chlorethyl)sulfid
CAS: 505-60-2
Schmelzpunkt: 14,4 °C (760 mm Hg)
Siedepunkt: 217.°C (760 mm Hg)
Gasförmig ab: 15 mm Hg bei 105-108 °C
Geruch: senfartig, meerettichähnlich
Wirkungsdauer bei 15 °C: 3-5 Tage

Neben dem normalen S-Lost wurde auch das sogenannte Winterlost hergestellt. Um den Gefrierpunkt zu senken, gab man dem S-Lost Arsinöl zu. Reines S-Lost ist geruchlos; der typische knoblauchähnliche Geruch entsteht, da S-Lost im Allgemeinen aus praktischen Gründen nur in technischer Qualität synthetisiert wird und die hierin in Spuren vorhandenen Neben-/Zersetzungsprodukte geruchlich dem Duftstoff von Knoblauch (Allicin) ähneln.

Ein weiteres taktisches Gemisch bestand aus Lost, gemischt mit Lewisit.

Bild:Sulfur mustard.svg

Sesqui-Yperit (Q)

1,2-Bis-(2-chlorethylthio)-ethan
CAS: 3563-36-8

Bild:Sesqui-Yperit.png

Oxol-Lost (T)

Bis-(2-chlorethylthioethyl)-ether
CAS: 63918-89-8

Bild:O-Lost.png

Stickstoffloste (N-Lost)

HN1

Bis-(2-chlorethyl)-ethylamin
CAS: 538-07-8
Schmelzpunkt: -34 °C
Siedepunkt: 85 °C
MAK: 0.003 mg/m3
Geruch: schwach fischig, tranartig

Bild:HN-1.png

HN-1 wurde Anfang der 1930er Jahre als Warzenentferner entwickelt; erst später stellte sich seine militärische Nutzbarkeit heraus.

HN2

Bis-(2-chlorethyl)-methylamin
CAS: 51-75-2
Schmelzpunkt: -65 °C
Siedepunkt: 75 °C
Geruch: in hoher Konzentration fruchtartig, in niedriger eher seifig und fischig

Bild:HN-2.png

HN-2 wurde als Kampfstoff entwickelt. Später stellte man daraus ein Medikament gegen Lymphknotenkrebs her.(HN-2 HCl, CAS: 55-86-7, Mustine)

HN3

Tris-(2-chlorethyl)-amin
CAS: 555-77-1
Molmasse: 204,54 g/mol
Dichte: 1,24
Schmelzpunkt: -3,7 °C
Siedepunkt: 256 °C (Zersetzung)
LCt50: inhal. ca. 1500 mg min/m 3, perkutan ca. 10000 mg min/m3
ICt50: 200 mg min/m3(Auge), 2500 mg min/m3 perkutan
Dekontamination: Chlorkalk (Kalziumhypochlorit)
Geruch: Butter, Mandel ähnlich
Wirkungsdauer bei 15 °C: 1-2 Monate

Bild:HN-3.png

Herstellung

S-Lost

Ursprüngliches Verfahren

                             CH2-CH2-Cl
                            /
 SCl2 +    2H2C=CH2 -----> S
                            \
                             CH2-CH2-Cl
Schwefel-   Ethen           S-Lost
dichlorid

Reines Ethen wird bei 35 °C durch Dischwefeldichlorid oder Schwefeldichlorid geleitet. Danach bekommt man zwei Fraktionen, wobei die obere Dichlorodietylsulfid und die untere das Dischwefeldichlorid beziehungsweise das Schwefeldichlorid ist. Nun werden beide Fraktion getrennt und das S-Lost mittels Vakuumdestillation aus dem Dichlorodietylsulfid herausdestilliert. Das S-Lost entsteht bei dieser Reaktion durch die elektrophile Addition von SCl2 an Ethen. (Das S2Cl2 wird zu SCl2 und Schwefel). Mit Hilfe dieser Reaktion wurde das S-Lost von den Alliierten im Ersten Weltkrieg hergestellt.

Eine weitere Methode besteht darin, eine Mischung von Dischwefeldichlorid und Schwefeldichlorid im Verhältnis 1 zu 3 fein verteilt in eine Atmosphäre von Ethen zu sprühen. Dieses Verfahren besitzt eine Ausbeute von 93 %.

Großtechnische Herstellung

Größtenteils benutzte man gusseiserne, mit Blei ausgekleidete Behälter mit eingebautem Rührwerk. Man füllte sie mit 750 kg S2Cl2 und blies 20 Stunden lang durch ein Rohr am Boden unter Rührung 430 kg Ethen ein. Die Temperatur wurde durch Regulation des Etheneinlasses bei 30-35 °C gehalten. Nach Ablauf der 20 Stunden ließ man das Dichlorodietylsulfid durch ein Absetzbecken laufen, um den entstandenen Schwefel zu entfernen. Eine weitere Konzentrierung fand nicht statt.

Modernes Verfahren

1.

                                 CH2-CH2-OH
            CH2 - CH2           /
 NaHS  +   2  \  /     ----->  S
               O                \
                                 CH2-CH2-OH
 Natrium-  Ethylenoxid         Thiodiglycol
hydrogen-          
 sulfid

2. Durch Erwärmen mit Thionylchlorid in benzolischer Lösung wird das Thiodiglycol zu Lost chloriert.

                         Thionylchlorid
  CH2-CH2-OH                               CH2-CH2-Cl
 /                           +SOCl2       /
S                        --------------> S
 \                           -H2SO3       \
  CH2-Ch2-OH                               CH2-CH2-Cl
Thiodiglycol               S-Lost


Schutzmaßnahmen

Wegen der hohen Hautgängigkeit und dem verzögerten Wirkungseintritt kommt dem Schutz der Körperoberfläche besondere Bedeutung zu. Die Aufnahme durch die Haut erfolgt leicht und ohne auffällige Anzeichen wie Nässe- oder Kältegefühl. Das Opfer bemerkt in der Regel die Vergiftung nicht. Die Fähigkeit, normale Textilien zu durchdringen, macht diese Stoffe besonders gefährlich. Die gängigen Schutzmittel -  Maske und Schutzanzug - bieten jedoch über einen Zeitraum von derzeit mindestens 6 Stunden, zukünftig 24 Stunden, sicheren Schutz vor der Einwirkung. Lost muss sofort und vollständig von der Kleidung entfernt werden. Dazu nimmt man Chlorkalk, Chloramine, Benzin oder alkoholische Natriumsulfid-Lösungen.

Siehe auch: Gelbkreuz, Liste chemischer Kampfstoffe, Chemische Waffe

Nutzung von Lost-Derivaten in der Medizin

Die Erfahrungen mit der die Zellteilung hemmenden Wirkung von Senfgas führten dazu, dass nach dem Ersten Weltkrieg die ersten Zytostatika auf der Basis von Stickstofflost entwickelt und in der Krebstherapie eingesetzt wurden. Allerdings waren die originalen Kampfgase für die medizinische Verwendung noch viel zu giftig. Beispiele für erfolgreiche Krebsmedikamente auf Lost-Basis sind Cyclophosphamid, Ifosfamid und Chlorambucil.

Quellen

  1. . a b Günther W. Gellermann: Der Krieg, der nicht stattfand. Bernard&Graefe Verlag, Koblenz 1986, ISBN 3-7637-5804-6

Weblinks

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