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Gladbecker Geiseldrama

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Als Gladbecker Geiseldrama wird ein Verbrechen bezeichnet, das sich im August 1988 ereignete und mehrere Tage dauerte. Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner wollten in der nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck einen Bankraub begehen, der jedoch scheiterte. Ihre Flucht führte sie quer durch Deutschland, wobei es mehrfach zu Geiselnahmen kam. Es gab insgesamt drei Tote (zwei Geiseln sowie ein Polizist) und viele Verletzte.

Das Geiseldrama erregte in der Öffentlichkeit Aufsehen, weil Journalisten die Geiselnehmer noch während der Geiselnahmen in Interviews ausführlich zu Wort kommen ließen.

Inhaltsverzeichnis

Chronik der Ereignisse

16. August

Am Morgen des 16. August 1988 verschafften sich die beiden vermummten und mit einem Colt M1911 A1 und einem Smith & Wesson Revolver bewaffneten Täter Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner vor Schalteröffnung Zugang zu einer Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort.

Die Bank befindet sich im Atriumbereich des Geschäftszentrums Rentfort-Nord an der Schwechater Straße 38 und ist nur von zwei Seiten zugänglich. Auf der Rückseite des Gebäudes befanden sich hochgelegene Oberlichter, die zu einen breiten, um den gesamten Gebäudekomplex verlaufenden Versorgungsweg führten. Der Eingangsbereich lag in einem der vier überdachten Zugangsbereiche des Atriums. Links und rechts der Bank befanden sich weitere Ladenlokale. Deswegen war es Degowski und Rösner kaum möglich, aus der Bank heraus die potentiellen Fluchtwege zu beobachten. Sie hatten lediglich einen Teileinblick ins Atrium sowie die Sicht auf die zwei überdachten Zugänge zum Atrium zur linken und rechten Seite. Der linke Zugang führte zum für Verkehr gesperrten Versorgungsweg, der rechte zur Straße.

Um 8.04 Uhr ging bei der Polizei der Notruf eines Arztes ein, dessen Praxis im ersten Obergeschoss des Gebäudes war, nachdem er die Täter beim Eindringen unbemerkt beobachtet hatte. Die ersten eintreffenden Beamten parkten ihren Streifenwagen direkt vor dem zur Straße liegenden Zugang. Als Degowski und Rösner die Bank – zunächst noch ohne Geiseln – verließen, entdeckten sie das Fahrzeug sofort, kehrten um und nahmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Daraufhin forderten sie einen Fluchtwagen und Lösegeld.

Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gaben sie einige Schüsse ab. Ein Rundfunksender führte das erste Interview.

Nach stundenlangen Verhandlungen erhielten sie 300.000 DM (nominal umgerechnet 153.388 Euro) und einen weißen Fluchtwagen des Typs Audi 100. Damit fuhren sie und die beiden Geiseln um 21.45 Uhr los. Die Freundin Rösners, Marion Löblich, stieg noch in Gladbeck zu.

17. August

Sie fuhren über die Autobahn nach Bremen. Im Ortsteil Huckelriede brachten sie am 17. August um 19.00 Uhr einen Bus der Linie 53 mit 32 Fahrgästen in ihre Gewalt. Dann standen sie ganz offen der Presse Rede und Antwort. Auch die beiden Geiseln, denen die Pistole an die Kehle gehalten wurde, wurden von Reportern interviewt.

Nachdem sie fünf der Geiseln freigelassen hatten, fuhren sie mit 27 Geiseln wieder auf die Autobahn. An der Raststätte Grundbergsee (zwischen den Anschlussstellen 50 - Stuckenborstel - und 51 - Posthausen) ließen sie die beiden Bankangestellten frei.

Zwei Polizeibeamte nahmen ohne dienstlichen Auftrag die Freundin Rösners fest, als diese die Toilette der Raststätte aufsuchen wollte. Rösner und Degowski verlangten die sofortige Freilassung Löblichs und drohten, nach 5 Minuten eine Geisel zu erschießen. Nach Ablauf der Zeit schoss Degowski einem Fünfzehnjährigen Italiener in den Kopf. Erst eine Minute später konnte Rösners Freundin freigelassen werden, weil in der Hektik der Schlüssel für die Handschellen abgebrochen war. Der Italiener lebte noch 20 Minuten, bis er verblutet war, weil kein Rettungsfahrzeug mit Sanitätern zur Wundversorgung bereit stand. Ein vorhandener Rettungswagen hätte den Mann binnen kürzester Zeit ins nah gelegene Zentralkrankenhaus Bremen-Ost bringen können.

Der Bus fuhr dann weiter in die Niederlande. Ein Polizeiwagen kollidiert während der Verfolgung mit einem LKW, ein Polizist kommt dabei ums Leben und ein weiterer wird verletzt.

18. August

Am Morgen des 18. August, um 2.30 Uhr, überquerte der Bus die holländische Grenze. Um 5.15 Uhr wurden zwei Frauen und drei Kinder freigelassen, denn die holländische Polizei weigerte sich, mit den Geiselnehmer zu verhandeln, solange noch Kinder in ihrer Gewalt waren. Die beiden Geiselnehmer bekamen um 6.30 Uhr einen BMW 735i als neuen Fluchtwagen. Dieses Fahrzeug wurde von der holländischen Polizei so präpariert, dass der Motor mittels Fernbedienung ausgeschaltet werden konnte. Als die Geiseln zu fliehen versuchten, wurden der Busfahrer und Marion Löblich verletzt.

Mit den zwei Bremer Geiseln Silke Bischoff und Ines V. fuhren Degowski und Rösner nach Köln. Dort sprachen sie um 11.00 Uhr mit Journalisten und Passanten. Hier boten sich einige Journalisten als Lotsen an und zeigten den Geiselnehmern Fotos von Polizisten, damit sie den Verbrechern beim Austausch der Geiseln nicht untergeschmuggelt werden konnten. Besonders negativ fiel der Express-Reporter Udo Röbel auf. Er bot sich an, um die Geiselnehmer im Fluchtwagen bis zur nächsten Autobahnauffahrt zu lotsen und fuhr zwischen Köln und der Raststätte Siegburg im Fluchtfahrzeug mit. Dabei wetteiferten die Journalisten um die besten Bilder.

Um 12.00 Uhr fuhren die Geiselnehmer auf der A3 weiter in Richtung Frankfurt am Main. Nachdem ein Beamter das Fluchtfahrzeug mit einem schweren gepanzerten Einsatzfahrzeug der Mercedes S-Klasse seitlich gerammt und somit fahrunfähig gemacht hatte, griff ein Spezialeinsatzkommando der nordrhein-westfälischen Polizei mit Waffengewalt ein. Dies geschah in Höhe von Bad Honnef, kurz vor der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Ursprünglich beabsichtigt war, den Motor des präparierten Fluchtfahrzeuges ferngesteuert auszuschalten, doch die zur Fernsteuerung nötige Fernbedienung hatten die Polizisten vergessen.

Bei der Befreiungsaktion wurde das Fahrzeug von ca. 60 Kugeln aus Polizeiwaffen getroffen. Silke Bischoff saß auf der Zugriffsseite des Wagens, die von der Polizei beschossen wurde. Sie wurde von Rösner, dem Fahrer, erschossen. Die Kugel durchschlug ihr linkes Handgelenk samt Armbanduhr und traf sie genau ins Herz. Spätere Ermittlungen ergaben, dass Rösner den Schuss unabsichtlich ausgelöst hatte. Ines V. wurde durch einen Streifschuss am Rücken verletzt, als sie während des Zugriffs aus dem noch fahrenden Auto sprang.

Das rheinland-pfälzische Innenministerium hatte bereits den Bundesgrenzschutz (heute Bundespolizei) um Übernahme der Aktion gebeten und Beamte der GSG 9 standen hinter der Grenze zum Zugriff bereit.

Gerichtsverfahren

Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski wurden am 22. März 1991 vom Landgericht Essen zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Rösners Freundin Marion Löblich erhielt eine neunjährige Haftstrafe, die sie vollständig verbüßte. Sie traten Ihre Haftstrafen in nordrhein-westfälischen Gefängnissen an.

2002 lehnte das Oberlandesgericht Hamm „wegen der besonderen Schwere der Schuld“ eine vorzeitige Haftentlassung von Degowski ab. Die Haftdauer wurde auf mindestens 24 Jahre festgelegt, so dass er frühestens im Januar 2013 entlassen werden kann.

Rösners Gesuch nach vorzeitiger Entlassung lehnte das Oberlandesgericht Hamm im Januar 2004 ab. Ebenfalls abgelehnt wurde eine Haftverkürzung, so dass Rösner seine Haft bis Februar 2016 verbüßen muss. Da zusätzlich Sicherungsverwahrung angeordnet wurde, wird er auch nach dem Verbüßen seiner Haftstrafe nicht freigelassen.

Politische Kontroversen entstanden, als Degowski unauffällig gefesselt und in Begleitung zweier bewaffneter Beamter durch die Stadt Werl geführt werden durfte, wo er inhaftiert ist.

Verarbeitung

Da das Gladbecker Geiseldrama ein traumatisches Ereignis mit möglichen Lehren für die Zukunft war, wurde mehrfach die Errichtung einer Gedenkstätte in Betracht gezogen, die zugleich der öffentlichen Verarbeitung der Ereignisse dienen soll. Dieses Vorhaben wurde allerdings trotz des regen öffentlichen Interesses nie umgesetzt.

Öffentliches Interesse

Durch Live-Berichte und Interviews machte das Fernsehen den 32-jährigen Dieter Degowski und den 31-jährigen Hans-Jürgen Rösner zu Medienstars. Das sensationsgierige Verhalten der Presse rief in der Öffentlichkeit Empörung hervor. Auch die Polizei-Taktik wurde heftig angegriffen. Ihr wurden schwere Organisationsfehler und psychologisches Ungeschick vorgeworfen. Der Bremer Innensenator Bernd Meyer trat wegen polizeilicher Fehler zurück.

Das Verhalten der Journalisten in Bremen wurde zum damaligen Zeitpunkt unterschiedlich bewertet. Aufgrund der chaotischen Situation gelang es Journalisten, die Freilassung von fünf Geiseln zu erreichen. Auch die Freilassung der beiden Bankangestellten auf der Raststätte Grundbergsee erreichten Journalisten durch ein Gespräch mit Rösner.

Journalisten brachten den von Degowski im Bus angeschossenen, bereits verbluteten Jugendlichen nach dessen Verbluten zum Notarzt. Allerdings hielten die Reporter den herabhängenden Kopf des schwerverletzten Jungen noch einmal fotogerecht in die Kamera.

Journalisten verhinderten immer wieder, dass Polizisten die Täter fassen konnten. Die Medien trugen einen erheblichen Teil der Schuld am Tod der Geiseln.

Wegen des Fehlverhaltens der Journalisten während des Geiseldramas hat der Deutsche Presserat am 7. September 1988 festgestellt, dass es „Interviews mit Geiselnehmern während des Geschehens nicht geben darf“ und es „nicht die Aufgabe von Journalisten sei, eigenmächtig Vermittlungsversuche zu unternehmen“ und den Pressekodex entsprechend erweitert.

Künstlerische Verarbeitung

  • Eine Dark-Wave-Gruppe benannte sich nach Silke Bischoff. Heute nennt sie sich aufgrund von Rechtsstreitigkeiten zwischen den Gründungsmitgliedern 18 Summers, was sich auf das Alter von Silke Bischoff zum Zeitpunkt ihrer Tötung bezieht.
  • Der Film Terror 2000 von Christoph Schlingensief entstand in Anlehnung an das Gladbecker Geiseldrama.
  • Der von ARTE und ZDF 1999 ausgestrahlte Fernsehfilm „Ein großes Ding“ (von Bernd Schadewald) stellte in einer Mischung aus Reality und Drama die Ereignisse der Geiselnahme dar.
  • Mitte der 1990er Jahre entstand für den Sender RTL ein aufwändiges Doku-Drama über die Ereignisse, wobei auch direkt Beteiligte zu Wort kamen.
  • Im Liedtext von „Hier“ auf dem ersten Album „Wichtig“ der Hamburger Gruppe Die Sterne ist vom sogenannten "Rösner-Degowski-Syndrom" die Rede.
  • Die deutsche Hardcore-Punk-Band Hammerhead setzte ein Foto der Gladbecker Ereignisse auf das Cover ihres Debütalbums „Stay Where The Pepper Grows“.

Aktuelle Kontroverse

Der österreichische Journalist Arpad Hagyo von der Tageszeitung „Österreich“ führte am 27. Februar 2007 während eines Bankraubes mit Geiselnahme ein Telefongespräch mit dem Bankräuber.[1] Er wurde dafür mit Bezug auf das Gladbecker Geiseldrama scharf kritisiert.

Quellen


Weblinks

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