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Flugabwehrrakete

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Eine Flugabwehrrakete (kurz FlaRak), oder auch Boden-Luft-Rakete, englisch SAM (Surface to Air Missile), ist eine militärische Rakete zur Bekämpfung von Luftzielen vom Erdboden aus. Eine Vielzahl von Bauweisen und Typen wurden entwickelt, die sich nach Einsatzzweck, Reichweite und Technologie unterscheiden.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklungsgeschichte

Deutsche Entwicklungen im 2. Weltkrieg

Die ersten Boden-Luft-Raketen wurden während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland entwickelt. Die Entwicklung begann 1941, die ersten Probeflüge fanden im Herbst 1944 statt. Es wurden parallel entwickelt:

  • Die Wasserfall Rakete, entwickelt von der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) und den Elektromechanischen Werken Karlshagen (Triebwerk), eine verkleinerte A4, die mit einer Gipfelhöhe von 20.000 Metern das vom Bediener am Boden bediente Zielsystem völlig überforderte. [3]
  • Die Feuerlilie, deren Triebwerke von Rheinmetall-Borsig in Berlin-Marienfelde und deren Zellen von den Ardelt-Werken hergestellt wurden, in folgenden Varianten:
    • Unterschallversion R25 war 1,80 m lang und hatte eine Reichweite von 5 km. Erste Versuchsstarts erfolgten 1944, Einstellung im gleichen Jahr.
    • Überschallversion R55 mit Spiritus-Flüssigsauerstofftriebwerk. Sie hatte eine Reichweite von 10 km, erster Versuchsstart Mitte 1944. [4]

Es wurden auch Überlegungen zu einer automatischen Radarverfolgung angestellt. Alle Systeme waren ihrer Zeit voraus, kamen jedoch zu spät, um im Krieg wirkungsvoll eingesetzt zu werden.

Ein tragbares, nicht-gelenktes Luftabwehrraketensystem gegen Tiefflieger war gegen Kriegsende ebenfalls in der Entwicklung:

  • Die Fliegerfaust-A wurde 1944 von der Firma HASAG (H. Schneider AG, Leipzig) entwickelt und bestand aus einem ca. 1,5 m langen Rohrbündel mit vier 90 g schweren, ungelenkten 2-cm-Raketengeschossen. Die einzelne Rakete trug 19 Gramm Sprengstoff. Der verbesserte Typ Luftfaust bzw. Fliegerfaust-B besaß ein Rohrbündel mit neun 2-cm-Raketen. Die Raketen wurden in zwei Salven mit 0,2 Sek. Abstand verschossen und bildeten in 500 m Entfernung einen Trefferkreis von etwa 60 m Durchmesser. Die 6,5 kg schwere Luftfaust wurde, analog einer Bazooka, von der Schulter aus verschossen; sie war rückstoßfrei.
  • Eine ähnliche Waffe bestand aus einer umgebauten verbesserten regulären Panzerfaust. Eine vor dem Hohlladungssprengkopf montierte Splitterladung wurde nach dem Abschuss zeitgesteuert ausgelöst.

Im März 1945 lief ein Auftrag über 10.000 Waffen mit 4 Millionen Schuss Munition an. Im Truppenversuch haben sich Ende April aber nur 80 dieser Waffen befunden.

In der Entwicklung war weiterhin eine im Kaliber vergrößerte Sechsrohr-Version, die einfach Fliegerfaust (ohne das Suffix A oder B) heißen sollte. [5]

Kalter Krieg und Nachwendezeit

Sowjetische S-75 (SAM-2).
Sowjetische S-75 (SAM-2).

Mit dem großen Entwicklungsschub bei Düsenflugzeugen, aber auch bei Raketentriebwerken, sowie bei Radartechnik und Elektronik erfuhren Flugabwehrraketen nach dem Krieg in West und Ost zunehmende Bedeutung. Vor allem die russische Seite steckte große Ressourcen in die Entwicklung von Abwehrraketen gegen mögliche amerikanische Bomberangriffe, deren Flugzeug-Technologie der eigenen häufig überlegen war. Auch an anderen Konfliktherden sahen sich dem Ostblock verbündete Kräfte häufig überlegender Luftmacht gegenüber, so dass sehr viel häufiger russische SAMs gegen US-amerikanische Flugzeuge zum Einsatz kamen als umgekehrt.

Eine wichtige Rolle spielte die russische SAM-2 im Vietnamkrieg von 1964 bis 1975. Die Flugabwehrrakete erreichte Einsatzhöhen von 7.500 bis 16.000 Metern, hatte ein radargeführtes automatisches Lenksystem und stellte erstmals eine Bedrohung für die US-amerikanischen Kampfflugzeuge dar.

Bild:Sa-6tel.jpg
SA-6 auf der Abschußlafette.

Im Nahostkonflikt spielten SAMs erstmals im Jom-Kippur-Krieg von 1973 eine größere Rolle. Ägyptische und syrische SA-2 und SA-6-Stellungen waren eine ernste Bedrohung für die israelischen Luftstreitkräfte, die erst durch den Einsatz neuer, aus den USA gelieferter Systeme zur elektronischen Kampfführung überwunden werden konnte.

Die sowjetischen, später russischen Systeme wurden in Folge regelmäßig weiterentwickelt und diversifiziert:

Dabei spiegelten sich amerikanische Neuentwicklungen auf Seiten der angreifenden Flugkörper mit etwas Verzögerung in neuen Abwehrsystemen auf russischer Seite: Die Stealth-Technik führte zu neuen, stärkeren Radarsystemen mit Phased-Array-Antennen beim SA-10 und dessen Nachfolgern, Präzisionsgelenkte Munition und antriebslose Lenkflugkörper zu dem schnell reagierenden und mobilen Tor M1 System.

Nike Ajax Stellung in den USA.
Nike Ajax Stellung in den USA.

Auf amerikanischer Seite wurden bis vor kurzem im wesentlichen zwei FlaRak-Systeme eingesetzt:

  • Nike Ajax und Nike Hercules war für den Einsatz gegen hochfliegende, überschallschnelle und auch multiple Ziele konzipiert; der Erstflug war 1955. Um diese zu bekämpfen, waren neben den herkömmlichen konventionellen auch zwei unterschiedlich große Nuklearsprengköpfe vorgesehen. Diese wurden auch bei den Systemen der Deutschen Luftwaffe bereitgehalten; zuletzt auch als Option für den Boden-Boden-Einsatz. Durch die Radarlenkung war dieses System recht zielgenau, allerdings nicht mobil ausgelegt. Nach der Wende wurden die letzten Systeme in Deutschland außer Dienst gestellt.
  • MIM-23 HAWK ist ein Mittelstreckensystem, das für Ziele in maximal 40 km Entfernung und 12 km Höhe vorgesehen war und teilweise heute noch in NATO-Staaten im Einsatz ist. Es gab neben festen Installationen auch mobile Varianten. Die ersten HAWK-Einheiten bei der Bundeswehr wurden 1963 eingeführt, die letzten Ende 2005 außer Dienst gestellt.

Nachfolger beider Systeme ist das heutige MIM-104 Patriot System. Die US-Army verfügt darüber hinaus über ein Kurzstrecken-System auf Basis der AIM-9 Sidewinder, das MIM-72 Chaparral.

Asymmetrische Konflikte

In den späteren, zunehmend von asymmetrischen Konflikten gekennzeichneten militärischen Auseinandersetzungen spielten auf der jeweils materiell unterlegenen Seite schultergestützte Raketen eine zunehmende Bedeutung: Im Afghanistan-Krieg wurden amerikanische FIM-92 Stinger, aber auch eigentlich für den Bodenkampf vorgesehene einfache RPG-7, erfolgreich gegen russische Hubschrauber eingesetzt; ebenso in Somalia in der Schlacht von Mogadischu im Jahre 1993. Im Irakkrieg trafen die Amerikaner auf die umgekehrte Konstellation, als irakische Kämpfer russische SA-7 Grail, später auch modernere Strela-3 (SA-14) oder deren Nachfolger erfolgreich gegen US-Helikopter einsetzten. Im Frühjahr 2007 wurden im Irak binnen vier Wochen acht US-Hubschrauber abgeschossen.

Auch bei terroristischen Angriffen auf Verkehrsflugzeuge sind teils schultergestützte FlaRaks benutzt worden. Dies gab in den USA Überlegungen Vortrieb, Flare-Systeme auf bestimmten Routen zur Pflicht zu machen, was bis 2006 aber aus Kostengründen und durch den Widerspruch der Airlines nicht duchgesetzt wurde.

Kampftechniken

Autonomes Tor M1 System aus Russland, quadratisch vorne das phased-array-Zielradar.
Autonomes Tor M1 System aus Russland, quadratisch vorne das phased-array-Zielradar.

SAMs mit Radartechnologie bedürfen einer ständigen Datenfütterung durch das Abschussgerät oder Feuerleitradar (siehe unten). Bis in die 80er Jahre gab es meist ein separates Radar, das ausschließlich diese Aufgabe verfolgte. Die Anordnung der SAM-Stellungen erfolgte sternförmig bzw. in Formation um das Radar herum. Schaltete eine Waffe des Gegners (Bombe, Luft-Boden-Rakete) nur das Radar selbst aus, waren die SAM-Stellungen nutzlos, die mit diesem Radar verbunden sind. Neuere Flugabwehr-Systeme wie das mobile russische Tor M1 integrieren dagegen das Radar und agieren bei Bedarf beweglich und vollkommen autonom.

Luftabwehrraketen mit Infrarot-Technologie bedürfen keines Radars oder nur zur Aufschaltung, das heißt zur Lokalisierung des Gegners, eines Radars, das diese Stellungen meist in sich vereint (siehe z.B ADATS und Tunguska Nato-Bezeichnung 2S6). Diese Raketen haben eine geringere Reichweite und Genauigkeit. Vorteilhaft ist für sie jedoch, dass der gegnerische Pilot keine Radar-Aufschaltungswarnung bekommt und sich damit die Trefferwahrscheinlichkeit erhöht.

Folgende Taktiken sind bei nicht-autonomen Systemen bekannt:

Ambush

Bei der Ambush-Taktik (engl. Angriff aus dem hinterhalt) sind alle SAM-Stellungen im "Silent-Modus" und haben ihre Radargeräte ausgeschaltet. Über dritte Radarstellungen und andere Luftüberwachungen verfolgt man das Eindringen feindlicher Luftfahrzeuge. Sobald diese innerhalb der Reichweite der SAMs sind, schalten alle gleichzeitig ihr Radar ein und feuern Raketen in Salven auf den Gegner. Vorteil der Taktik ist, dass die feindlichen Piloten erst ganz kurz vor dem Abfeuern der Boden-Luft-Rakete eine Radarwarnmeldung erhalten und somit deren Zeitrahmen für effektive Ausweichmanöver sehr kurz ist. Nachteil jedoch ist, dass man sich auf eine funktionierende Luftraumüberwachung verlassen muss, da man selbst aufgrund des ausgeschalteten Radars "blind" ist.

Blinking

Blinking funktioniert nur dann, wenn mindestens zwei SAM-Stellungen im Verteidigungsgebiet stationiert sind. Die Taktik dabei ist, dass die beiden Stellungen abwechselnd für einen kurzen Zeitraum ihren Radar ein- und ausschalten. Dabei "blinken" auf dem Radarwarngerät des eindringenden Luftfahrzeuges abwechselnd die Warnsignale auf, was auch namensgebend für diese Taktik war. Ziel ist es dabei, anfliegende HARM-Shooter (Flugzeuge mit Anti-Radar-Raketen zur Bekämpfung von SAMs, siehe auch Tornado ECR) zu verwirren, da der Pilot niemals genau wissen kann, welche der aufblinkenden Stellungen nun wirklich die Raketen abfeuern wird und somit die größte Gefahr darstellt. Voraussetzung für diese Taktik ist ein perfektes Zusammenspiel der einzelnen Stellungen untereinander, damit eine konstante Zielverfolgung gewährleistet werden kann.

Buddy Launch

Der Buddy Launch ist eine dem Blinking sehr ähnliche Taktik. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass nicht alle Stellungen abwechselnd die Zielverfolgung übernehmen, sondern eine Stellung das Ziel konstant im Visier hat und die anderen Stellungen mit den nötigen Informationen für den Angriff versorgt. Man spricht auch von einem externen Beleuchter. Auch hier handelt es sich hauptsächlich um eine Taktik, die der Verhinderung von Angriffen auf die SAM-Stellungen durch feindliche SEAD-Einsätze (SEAD: Flugeinsätze zur Bekämpfung feindlicher Luftabwehr) dient.

Silent

Die eigentliche Abwehrstellung bleibt bis zum Abschuss und nach Möglichkeit auch nach dem Abschuss still. Die eigentliche Zielführung geschieht entweder "passiv" (manuell per Sicht, per Infrarotsensor etc.), mit einem externen Beobachter bzw. Beleuchter oder erst kurz vor Auftreffen auf dem Ziel vom Flugkörper aus. Die Abwehr- und Reaktionszeit des Zieles ist damit minimiert, eine Bekämpfung des Ziels optimiert. Auch ferngesteuerte bzw. automatisiert wirkende Abwehrstellungen bzw. räumliche Trennung von Beleuchter, Steuerung und Startgestell sind bereits realisiert worden.

Passiv

Die Sensorik in der Abwehrstellung bzw. im Flugkörper kommt ohne zu ortenden Sender aus. Zu nennen wären etwa Infrarot, Video (optisch) bzw. manuell (per Sicht) aus der Abwehrstellung. Neuere Entwicklungen nutzen die Hintergrundstrahlung von Rundfunk und Mobilfunk bzw. ziviler Radaranlagen zur Aufklärung und Ortung potentieller Ziele bzw. (seltener) zur Zielbekämpfung.

Steuerungstechnik

Das Spektrum aktueller Systeme reicht von schultergestützten Systemen, die von einem Mann bedient werden, bis hin zu Raketen bis 400 km (S-400 Triumph) Reichweite, die im Verbund mit Zielerfassungs- und Zielfolgeradarsystemen eingesetzt werden.

Die Zielerfassung und -verfolgung kann erfolgen durch:

Manuelle Lenkung

Das Ziel wird in Sichtlinie zur Abwehrstellung bekämpft, der Lenkflugkörper manuell bzw. teilautomatisch von dieser nachgesteuert; seltener ist ein automatisch gesteuerter Flug vorgesehen. Die Zielauffassung geschieht z.B. per Auge; Bildverstärkung etc. Beim Waffensystem Roland und einigen russischen Modellen ist diese Option neben der automatischen Radarlenkung vorhanden. Auch die ersten deutschen Entwürfe benutzen derartige Verfahren - siehe oben.

Infrarot-Suchkopf

Diese Rakete findet ihr Ziel durch Aufspüren und Verfolgung des heißen Triebwerksstrahls des Flugzeugs. Alle IR-Raketen sind "Launch-and-Leave"-fähig, d.h. sie bedürfen nach dem Abfeuern keinerlei weiterer Verfolgung durch den Schützen.

Halbaktives Radar (SARH - Semi-Active Radar Homing)

Das Ziel wird vom Radar des Abschussgerätes angestrahlt, die Rakete findet durch die reflektierten Radarwellen ins Ziel. Sie steuert also auf das vom Boden "beleuchtete" Ziel und hat selbst kein aktives Radar und keinen anderen Sensor.

Aktives Radar (Command-Guided Radar Missile)

Dieser SAM-Typ bedarf einer ständigen Datenfütterung durch das Abschussgerät. Die Rakete erhält die Feuerleitbefehle vom Abschussgerät beziehungsweise von einem separaten Feuerleitradar.

Track-via-missile

Das Verfahren kombiniert das semi-aktive Verfahren mit der Fernsteuerung: Die Rakete empfängt das vom Bodenfahrzeug ausgestrahlte und vom Ziel reflektierte Signal, leitet es aber über eine Funkdatenverbindung zur Bodenstation zurück. Dort wird die Zielverfolgung errechnet und die Steuersignale im Signal des Zielradars wieder an die Rakete gesandt. Damit verbinden sich die zwei Vorteile, dass die Rakete näher am Ziel ist, die Bodenstation aber über höhere Rechenleistung und das taktische Kommandosystem verfügt. Das Verfahren ermöglicht die höchste Genauigkeit und wird heute bei allen modernen Langstrecken-FlaRak und Anti-Raketen-Raketen eingesetzt - siehe auch: en:Track-via-missile.

Siehe auch

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