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Ernst Jünger

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Ernst Jünger (* 29. März 1895 in Heidelberg; † 17. Februar 1998 in Riedlingen) war ein deutscher Schriftsteller und Insektenkundler.

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Ernst Jünger als Soldat im Ersten Weltkrieg

Inhaltsverzeichnis

Leben

1895–1918

1895 wurde Ernst Jünger in Heidelberg als ältestes von sieben Kindern (zwei davon starben im Säuglingsalter) des Chemikers Dr. Ernst Georg Jünger (* 1868 † 1943 in Rehburg) und dessen späterer Frau Karolina (geborene Lampl, * 1873 † 1950 in Rehburg) geboren. Jünger verbrachte seine Kindheit unter anderem in Hannover, wo sich sein Vater ein Labor als Lebensmittelchemiker eingerichtet hatte, in Schwarzenberg und schließlich ab 1907 in Rehburg, wo sich die Familie nach beträchtlichen Einkünften des Vaters als Bergwerkunternehmer niederließ. 1901 wurde Ernst Jünger am Lyceum II in Hannover eingeschult. Nicht zuletzt wegen der häufigen Umzüge der Familie war er zunächst ein schlechter Schüler. 1905 bis 1907 verbrachte Ernst Jünger auf Internaten in Hannover und Braunschweig. Ab 1907 lebte er wieder bei seiner Familie in Rehberg. Dort besuchte er gemeinsam mit seinen Geschwistern die Scharnhorst-Realschule in Wunstdorf. In dieser Zeit entdeckte der mittelmäßige Schüler neben seiner Vorliebe für Abenteuerromane auch die für die Insektenkunde. 1911 trat Jünger gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Georg dem Wunstdorfer Wandervogel-Club bei. Dort fand er den Stoff für seine ersten Gedichte, die in einer Wandervogel-Zeitschrift veröffentlicht wurden und dem Außenseiter den Respekt von seinen Lehrern und Mitschülern einbrachte. Er genoss von diesem Zeitpunkt an den Ruf des Poeten und Dandy. Im Sommer 1913 meldete Ernst Jünger sich als Gymnasiast, der inzwischen eine Schule in Hameln besuchte, in Verdun bei der Fremdenlegion und kam in das Ausbildungslager Siddi-bel-Abbes in Algerien. Von dort floh er mit einem Kameraden nach Marokko, wurde aber schnell aufgegriffen und zur Legion zurückgebracht. Kurz darauf wurde er nach einer Intervention des Auswärtigen Amtes (betrieben durch seinen Vater) auf Grund seines Alters wieder entlassen. Diese Episode seines Lebens wird in dem Buch Afrikanische Spiele verarbeitet.

Am 1. August 1914, kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Ernst Jünger beim Füsilier-Regiment 73 in Hannover als Kriegsfreiwilliger. Nach dem Notabitur und der Einschreibung an der Universität Hannover absolvierte er seine militärische Ausbildung und wurde im Dezember zusammen mit seiner Einheit an die Champagne-Front in Frankreich verlegt. Im April 1915 wurde Jünger erstmals verwundet, ging auf Heimaturlaub und schlug auf Anraten seines Vaters eine Offizierslaufbahn ein. Wieder zurück in Frankreich wurde er bald Leutnant und Zugführer und macht sich durch spektakuläre Aktionen wie Patrouillen und Stoßtrupps einen Namen. Im Laufe des dritten Kriegsjahres 1916 wurde Jüngers Einheit an sämtlichen Brennpunkten der Westfront eingesetzt. Während der zweiten Somme-Schlacht wurde Jünger am Vorabend der Offensive verletzt und konnte an der Schlacht nicht teilnehmen, in dessen Verlauf sein gesamter Zug aufgerieben wurde. Ende 1916 erhielt Jünger für ein besonders waghalsiges Unternehmen das Eiserne Kreuz. 1917 wurde Jünger zum Chef der 7. Kompanie befördert und rettete durch einen Zufall seinem Bruder Friedrich Georg auf dem Schlachtfeld von Langemarck das Leben. Daraufhin folgen weitere Auszeichnungen. Im März 1918 überlebte Ernst Jünger einen Granateinschlag, der fast seine gesamte Kompanie vernichtet. Außerdem lässt er sich aus der Heimat entomologische Zeitschriften schicken. Das Kriegsende erlebt Jünger schließlich im Lazarett. Kurz zuvor war ihm der Pour le Mérite, der höchste Tapferkeitsorden, verliehen wurden. Insgesamt erlitt er sieben Doppelverwundungen.

Während des gesamten Kriegsverlaufes notiert er alle Erlebnisse in einem Tagebuch, das er ständig mit sich führt. Seinen Frontalltag verbrachte er vor allem am Ende des Krieges damit, in den Gefechtspausen Werke von Nietzsche, Schopenhauer und Lubin zu lesen.

1918–1933

Nach dem Krieg diente er zunächst noch in der Reichswehr, in der er unter anderem mit der Ausarbeitung von Dienstvorschriften für den Infanteriekampf befasst war. Unter anderem nahm er 1920 an Einsätzen zur Niederschlagung des Kapp-Putsches teil. Bald profilierte er sich als entschiedener Gegner der Republik, hielt sich aber aus den politischen Auseinandersetzungen weitgehend heraus und überarbeitete seine Kriegsaufzeichnungen, die in die Werke In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers (1920), Der Kampf als inneres Erlebnis (1922), Sturm (1923), Das Wäldchen 125 (1925) und Feuer und Blut (1925) einflossen. Jüngers Erstlingswerk In Stahlgewittern wurde von der rechten Presse mit Begeisterung aufgenommen und als „Siegfried-Buch“ bezeichnet, andererseits aber auch von der Linken wegen der Drastik und Realistik der Darstellung beachtet.

Nach seinem Ausscheiden aus der Reichswehr (1923) studierte er in Leipzig und Neapel Zoologie und Philosophie. 1923 trat er für kurze Zeit in das Freikorps von Gerhard Roßbach ein und war vor allem als reisender Verbindungsmann zu anderen Teieln der nationalen Bewegung aktiv. Am 3. August 1925 heiratete er Gretha von Jeinsen. Er schrieb zahlreiche Artikel für nationalrevolutionäre Publikationsorgane wie Die Standarte, Arminius, Der Vormarsch oder Ernst Niekischs Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik. Bis 1933 verfasste erschätzungsweise 140 Artikel. Trotz seiner Sympathie für die Idee einer nationalen Revolution hielt sich Jünger, nach anfänglichen Kontakten, von Hitler und der NSDAP fern. In seinen politischen Schriften dieser Zeit finden sich vereinzelte antisemitische Äußerungen. So schreibt er 1930 „über Nationalismus und Judenfrage“: die „nationalen Bewegungen, die sich als revolutionär bezeichnen“ litten unter einem „Mangel an Folgerichtigkeit“, da bei ihnen „der Stoß gegen den Juden … immer viel zu flach angesetzt wird, um wirksam zu sein.“. Diese Äußerungen seien im Zusammenhang mit seinem radikalen „Anti-Liberalismus und Anti-Demokratismus“ (Harro Segeberg) zu sehen und richteten sich daher in erster Linie gegen die „Assimilation“ der deutschen Juden; Jünger präferierte, wie damals auch sein Bruder Friedrich Georg Jünger und andere Nationalrevolutionäre das orthodoxe Judentum bzw. später den modernen Zionismus: Franz Schauwecker und Friedrich Hielscher etwa sprachen sich hierbei besonders für Martin Bubers spirituellen Zionismus aus. Am 1. Mai 1926 wurde in Leipzig sein gleichnamiger Sohn Ernst geboren (in Jüngers Aufzeichnungen meist "Ernstel" genannt). Das Studium brach er am 26. Mai ohne Abschluss ab und wandte sich ganz der Schriftstellerei zu. 1927 zog die Familie Jünger nach Berlin. Im gleichen Jahr lehnte er ein von der NSDAP angebotenes Reichstagsmandat ab. In den folgenden Jahren wechselte Jünger mehrfach seine Publikationsorgane und rief eigene, kurzlebige nationalistische Zeitschriften ins Leben. Grund dafür waren wiederkehrende Auseinandersetzungen innerhalb des nationalistischen Lagers über eienn möglichen Legalitätskurs der Weimarer Republik gegenüber. 1928 erregte Ernst Jüngers an die Tradition des europäischen Surrealismus anknüpfendes Buch Das Abenteuerliche Herz Aufsehen, zumal es als „Literarisierung“ des Autors und Abwendung von der Politik interpretiert wurde. 1930 fungierte Jünger als Herausgeber mehrerer nationalrevolutionärer Sammelbände. Um ihn herum bildete sich ein Zirkel nationalistischer Publizisten aus teilweise sehr unterschiedlichen Flügeln, von späteren Nationalsozialisten bis zum Nationalbolschewist Ernst Niekisch. Zum Ende der 1920er Jahre trat Jünger zunehmend in den Dialog mit politischen Gegnern der Rechten und zog sich gleichzeitig aus der politischen Publizistik zurück. Erst in dieser Zeit wurde seine Kriegsliteratur außerhalb nationalistischer und militärischer Kreise populär. 1932 erschien Jüngers Großessay Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt; darin etablierte er im Rückgriff auf die mythische Figur des Juden Ahasver eine moderne Wahrnehmungsästhetik, mit der sich der Text unter der Hand von seinen imperialen, nationalistischen Phantasmen löst.

1933–1945

Nach der Machtübernahme der NSDAP versuchte diese erneut, Ernst Jünger für sich zu gewinnen. Ihm wurde ein Sitz im Reichstag angeboten, den er ablehnte. 1933 kam es auch zu einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo wegen seiner Kontakte zu Kommunisten und zu Ernst Niekisch. Im selben Jahr wies Jünger die Aufnahme in die – nationalsozialistisch „gesäuberte“ – Dichterakademie zurück, und seine Wohnung wurde durch die Geheime Staatspolizei durchsucht, woraufhin Jünger sich nach Goslar zurückzog. Dort wurde 1934 sein Sohn Alexander geboren. Im gleichen Jahr erschien Die totale Mobilmachung. 1936 zog die Familie nach Überlingen am Bodensee um. Ernst Jünger verbrachte die folgenden Jahre mit zahlreichen Auslandsreisen. Ab 1939 lebte Jünger wieder nahe Hannover. Im gleichen Jahr erschien seine Erzählung Auf den Marmorklippen, die oft als verdeckte Kritik an der Gewaltherrschaft Hitlers interpretiert wird. Jünger wehrte sich jedoch zeitlebens gegen die Interpretation der Marmorklippen als Widerstandsbuch.

Im gleichen Jahr wurde Jünger am 27. August zum Hauptmann befördert und am 30. August zur Wehrmacht eingezogen; zunächst tat er als Kompaniechef am so gennante Westwall gegenüber der Maginot-Linie Dienst. In dieser Zeit erhielt er das Eiserne Kreuz. 1941 wurde seine Einheit nach Paris verlegt. Ernst Jünger kam im Sommer des Jahres in den Stab des Militärbefehlshabers von Frankreich, später Chef des Generalstabes der Heeresgruppe B, wo er unter anderem für die Briefzensur zuständig war. Als wichtiges Zeitdokument einer deutschen, nicht-nationalsozialistischen Sicht des Zweiten Weltkrieges, entstanden die Pariser Tagebücher, die einige Jahre später in das Buch Strahlungen Eingang fanden. Jünger kam in kontakt zu Widerstandkreisen innerhalb der Wehrmacht und dokumentierte für sie die Auseinandersetzungen zwischen NSDAP-Stellen und der Wehrmacht im besetzten Frankreich. 1942 schickte der Militärbefehlshaber in Frankreich Karl-Heinrich von Stülpnagel Jünger in den Kaukasus, angeblich um die Truppenmoral vor einem eventuellen Attentat auf Adolf Hitler zu untersuchen. Dort setzte Jünger sein Tagebuchwerk unter dem Titel Kaukasische Aufzeichnungen fort, welche ebenfalls in die Strahlungen aufgenommen wurden. Noch 1942 kehrte Ernst Jünger nach Paris zurück. 1942 begannen auch die Arbeiten an dem Aufruf Der Friede, der als Aufruf an die Jugend Europas nach einem Sturz Hitlers gedacht war. Jünger stand zahlreichen Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944 nahe. Nachdem den Westalliierten die Landung in der Normandie und der Vorstoß ins Landesinnere gelungen war, verließ Jünger mit den abziehenden deutschen Truppen Paris und kehrte nach Deutschland zurück, wo er September 1944 aus der Wehrmacht entlassen wurde. Er zog sich nach Kirchhorst in Niedersachsen zurück, wo er gegen Kriegsende als Volkssturmkommandant befahl, keinen Widerstand gegen die anrückenden alliierten Truppen zu leisten. Jüngers Sohn wurde 1944 aufgrund kritischer Bemerkungen in ein Strafbataillon versetzt und fiel am 29. November in Italien.

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Ernst Jüngers Schreibtisch in Wilflingen

1945–1998

Nach dem Krieg weigerte sich Jünger den Fragebogen der Alliierten für eine so genannte Entnazifizierung auszufüllen und erhielt daraufhin in der britischen Besatzungszone bis 1949 Publikationsverbot. Er siedelte zunächst nach Ravensburg in die französische Besatzungszone und später dann in den Ort Wilflingen (heute Ortsteil der Gemeinde Langenenslingen, Landkreis Biberach) in Baden-Württemberg, über. Ernst Jünger wurde auf den jungen Journalisten Armin Mohler aufmerksam, da dieser einen recht positiven Artikel über Jünger 1946 in der Weltwoche geschrieben hatte. Von 1949 bis 1953 war Mohler Privatsekretär von Jünger. 1949 lernte Jünger den LSD-Entdecker Albert Hofmann kennen und begann mit dem Konsum der Droge.

1951 entstand seine Publikation Der Waldgang, eine Widerstands-Fibel gegen Totalitarismus und Anpassung. Fortsetzung und Abschluss dieser Thematik sind in dem 1977 erschienenen Roman Eumeswil zu sehen, in dem Jünger "das Gebäude seiner Weltweisheit" (Armin Mohler) errichtete. Er entwickelt darin die Gestalt des Waldgängers zu der des Anarchen weiter, wobei er sich hauptsächlich auf Max Stirner und dessen 1845 erschienenes Buch Der Einzige und sein Eigentum bezieht.

1959 erhielt Jünger das Große Bundesverdienstkreuz. 1960 starb seine Frau Gretha. 1962 heiratete Jünger die promovierte Germanistin Liselotte Lohrer, die unter anderem das Cotta-Archiv im Deutschen Literaturarchiv aufgebaut und betreut hat. 1974 wurde ihm der Schiller-Gedächtnispreis und 1978 die Friedensmedaille der Stadt Verdun verliehen. Am 20. Juli 1977 starb sein Bruder Friedrich Georg. 1982 folgte nach Kontroversen um seine Person die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt/Main. An der Seite von Helmut Kohl und François Mitterrand nahm Jünger 1984 in Verdun an der Ehrung der Opfer des Ersten Weltkrieges und 1988 an der 25-Jahr-Feier des deutsch-französischen Freundschafts-Vertrages in Paris teil. 1985 Verleihung des großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband. 1986 reiste Jünger nach Kuala Lumpur, um zum zeiten Mal in seinem Leben den Halleyschen kometen zu sehen. 1989 erhielt er das Ehrendoktorat der Universität von Bilbao. 1993 erhielt Jünger den Großen Preis der Jury der Kunstbiennale in Venedig. Jünger reiste und schrieb bis kurz vor seinem Tod.

Seine Forschungsreisen schilderte Jünger in weiteren Tagebüchern, beispielsweise Zwei Mal Halley. Das diaristische Hauptwerk Siebzig verweht entstand ab 1965 und endete erst 1996. Weitere hervorzuhebende Veröffentlichungen sind der Roman Heliopolis (1949) und die Detektiv-Geschichte Eine gefährliche Begegnung (1985). Ernst Jünger konvertierte am 26. September 1996 zur Römisch-Katholischen Kirche.

Rezeption

Neben der bis heute nicht verstummenden Kritik an der Verherrlichung von Gewalt und einer wohl auch psychoanalytisch interpretierbaren Männlichkeitsidealisierung als „Krieger“ wird das Werk Jüngers inzwischen häufig aus einer ästhetischen Perspektive rezipiert, die wiederum brisante politische Implikationen in seinem Werk ausblendet. Im Dritten Reich selbst wurde freilich Auf den Marmorklippen auch als leicht entschlüsselbare, mutige Kritik am Hitlerregime gelesen. Des weiteren schätzen einige Kritiker seine Texte aus der Nachkriegszeit als politisch weniger relevant, umso mehr aber ästhetisch interessant ein. Einen Markstein der wissenschaftlichen Rezeption bildete hier Karl Heinz Bohrers Studie Ästhetik des Schreckens (Frankfurt am Main 1978), die die Verflechtung von Jüngers Texten mit der europäischen und US-amerikanischen Avantgarde zeigt. Im Gefolge dieser Forschungsöffnung fand Jünger als Klassiker moderner Medientheorie – neben Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und anderen – Beachtung, im Zuge auch der poststrukturalistischen Theoriebildung in Frankreich (Virilio, Baudrillard). Erst in jüngster Zeit mehren sich wieder Interpretationen, die versuchen, den Nachweis subtiler, impliziter Subtexte im Werk Jüngers zu erbringen und die These vertreten, daß es ihm gelinge, politische Auffassungen auf diese Weise gleichsam unbemerkt zu transportieren. Dem Autor eignete zu Lebzeiten ein hohes Faszinationspotential. Schon früh versuchte Alfred Andersch in Deutsche Literatur in der Entscheidung (1948) die nicht zuletzt durch die Umstrittenheit selbst gegebene Bedeutung Ernst Jüngers herauszustellen; auch Autoren wie Heiner Müller oder Rolf Hochhuth suchten die Verbindung noch des alten Jünger. Die internationale Verbreitung des Autors ist enorm und von der in Deutschland virulenten Fixierung auf die politische Publizistik Jüngers wenig beeindruckt; schon die Frühschriften des Autors fanden Übersetzungen in zahlreiche Sprachen.

Erstaunlicherweise übergangen wird seine oft kühne Themenwahl (Heliopolis ist ein Science-Fiction-Text mit Weltraumflug, Gläserne Bienen enthält eine Antizipation nanotechnisch betriebener Roboter); ebenso seine lebenslange Behandlung des Themas Drogen. Belächelt werden auch seine wissenschaftlichen Beiträge zur Insektenkunde. Überhaupt litt die ästhetische Beurteilung des Stilisten stets unter der sich vordrängenden politischen; seine unlyrische Sprache und die Tatsache, dass er sich in den Prosagattungen kaum über die Erzählung hinaus versucht hat (typisch sein Insistieren auf der Tagebuch-Form), ist wenig problematisiert worden.

Urteile über Jünger

„… der uns die Barbarei als neue Gesinnung vorgaukelt … Dass er schreiben kann, erst das macht ihn gefährlich … Ein Geist von der finsteren Glut Jüngers kann Unheil stiften.“ Klaus Mann, 1930

„Was Ernst Jünger dartut, der inzwischen ein tüchtiger Kriegsberichterstatter geworden ist, emsig, betriebsam und hopphopp, ist geistig dünn, unterernährt und umso mehr von gestern, als es sich von morgen zu sein gibt. Immerhin ist es bedeutend lyrischer als die kalte Grundanschauung der ewigen Offiziere, die nichts sind als das. Jünger versucht sich in einem Mystizismus, dessen Wolken mit einer Handbewegung zu verscheuchen sind; dahinter grinst das blanke Nichts, die sture Grundanschauung, Kampf an sich sei etwas Bejahenswertes.“ Kurt Tucholsky, 1930

"Ernst Jünger halte ich für den weitaus begabtesten und bedeutendsten der in Deutschland verbliebenen Autoren. Ich glaube dass sowohl seine wie seines jüngeren Bruders Opposition gegen das Naziregime echt ist..." [...] Solche Erscheinungen wie E. und F.W. Jünger mögen in einem gegen die Nazis gewandten Nachkriegsdeutschland noch isolierter sein als jetzt, und werden vermutlich von der Mehrheit der Linkskreise als reaktionär abgetan und abgelehnt werden. In Wirklichkeit sind sie weniger reaktionär als viele der Progressiven die nichts dazu gelernt haben." Carl Zuckmayer, 1944

„… ich finde bei ihm enorm viel inneren Kitsch und was er als ‚Angriff‘ gesehen haben möchte, ist mehr Vorwölbung und Blähung bei ihm als Front.“ Gottfried Benn, 1935

„… ist unstreitig das schönste Kriegsbuch, das ich kenne; vollständig gutgläubig, wahrheitsgemäß, ehrlich.“ André Gide über In Stahlgewittern, 1942

"Er ist aber ein Wegbereiter und eiskalter Genüssling des Barbarismus und hat noch jetzt, unter der Besetzung, offen erklärt, es sei lächerlich, zu glauben, dass sein Buch [Auf den Marmorklippen] mit irgendwelcher Kritik am nationalsozialistischen Regime etwas zu tun habe. Das ist mir lieber, als das humanistische Schwanzwedeln und die gefälschten Leidens-Tagebücher jewisser Renegaten und Opportunisten. Aber eine Hoffnung für die 'deutsche Demokratie' stellt Jünger auch nicht gerade dar." Thomas Mann, 1945

„Ich hasse ihn, nicht als Deutschen, sondern als Aristokraten.“ Jean-Paul Sartre

„Die Axt des Kritikers kann da nur zuschlagen. Prosa wie aus einem oberbayerischen Landratsamt. Brei auf Stelzen, sozusagen. (...) Dass Jünger manches weiß, bestreitet niemand. Dass er ein großer Dichter ist, wird kaum einer behaupten. ‚Schlechte Dichter‘, sagt Hebbel, ‚die aber gute Köpfe sind, liefern statt der Charaktere ihr Schema und statt der Leidenschaften ihr System.‘ Und statt der Landschaft liefern sie ein Feuilleton. Und statt des Lebens eine Leiche.“ Karlheinz Deschner, 1957

„Wie weit nun Jüngers Dichtungen und Prognosen ‚stimmen‘, oder was von diesem oder jenem Standort aus Triftiges gegen sie vorgebracht werden kann, berührt mich nicht. Der Streit darüber wird Literatur und Geschwätz sein. Mir genügt es vollauf, an dieser Schau teilgenommen und fruchtbare Tage mit ihr verbracht zu haben.“ Hermann Hesse, 1960

„… der Elitedenker nicht imstande ist, den Menschen als Wert an sich ins Auge zu fassen, ohne Ränge und Stufungen diesseitigen und transzendenten Wertes: Weil seiner Weltanschauung insgesamt die historisch real begründete Humanität abgeht, so bleibt, trotz allem, das Schreiben des Hochbefähigten kahl und menschenleer.“ Annemarie Auer in DDR-Zeitschrift Weimarer Beiträge, 1966

„… für das … immerwährend rechtsgerichtete CDU-Bürgertum … ist Jünger, den solche Leute niemals genau lesen, ganz einfach ein nationaler und konservativer Mann, dem Unrecht zugefügt wurde. Daran ist soviel wahr: Unrecht ist ihm geschehen; ein nationaler Mann ist er nicht, sondern er war einmal ein fürchterlicher Nationalist (ein Nationalist zum Fürchten!), heute ist er ein milder Patriot und Anhänger eines Weltstaats; konservativ war er nie. Niemals. Sein radikalstes Buch, ‚Der Arbeiter‘, ist das Gegenteil eines konservativen Buches; es ist eine bolschewistische Phantasie mit nihilistischem Vorzeichen.“ Alfred Andersch, 1975

„Jemand wie Ernst Jünger hat sicher die Todesangst überwunden (das heißt, ‚beschlossen, sich ihr nicht anheim zu geben‘); und was hat er damit gewonnen? Selbstgefälligkeit und Auserwähltheitsdünkel.“ Peter Handke, 1982

„Jüngers Problem ist ein Jahrhundertproblem. Bevor Frauen für ihn eine Erfahrung sein konnten, war es der Krieg.“ Heiner Müller, 1992

Der Präsident der Akademie der Künste, Walter Jens, warf Jünger 1993 „extrem antisemitische Äußerungen“ vor, die er „nie zurückgenommen“ habe. Auch als „dezidierter Militarist“ sei er bekannt geworden.

„… einer der größten Kriegsverherrlicher dieses Jahrhunderts.“ Johann Kresnik, 1994

„… befand er sich im Gegensatz zu den mehr oder minder begabten Nachläufern der epischen Moderne, die die literarische Szene beherrschten, den angeblich fabulöseren Autoren, deren groß angelegte Romanwerke oft auf einem gesinnungstüchtigen und gedanklichen Gehalt gründeten, der sie mittlerweile, auf einen Schlag, zu ‚historischen Schinken‘ werden ließ. Jünger hingegen hat täglich Geheimnisse entdeckt und genannt …“ Botho Strauß, 1995

„Zu begreifen, was einen ergreift – darum geht es. So hat Ernst Jünger Fühlung mit Daseinsmächten, die den meisten verschlossen bleiben. Wie sonst hätte ein solches Leben, das die gefährlichen Zonen suchte, überleben können. Da wirkt ein Glutkern im Lebensentwurf und im Schreiben, der den Autor offenbar katastrophenresistent gemacht hat.“ Rüdiger Safranski, 1995

„Bedenke ich meine eigene linksradikale Biographie, so kreuzte Jünger mehrmals meinen Weg. Sowohl Ernst Jünger als auch Carl Schmitt galten bereits während der Studentenrevolte im SDS als eine Art intellektueller Geheimtip, umgeben von der Aura des intellektuell Obszönen. Denn es waren Faschisten, zweifellos, und dennoch las man sie mit großem Interesse. Je militanter sich die Revolte gestaltete, je mehr der „Kämpfer“, der „Fighter“ in den Vordergrund trat, desto sinnfälliger wurden die Parallelen. Später, als längst die „Subjektivität“, die „Politik der ersten Person“ angesagt war, da las man wiederum Ernst Jünger, diesmal den Drogen-Jünger. Und noch später, als der Klassenkampf endgültig Don Juan oder fernöstlicher Erleuchtung gewichen war, da starrte das neulinke Dritte Auge auf den kosmischen Jünger, von Jüngers Affinität zur vorindustriellen Welt und seiner Zivilisationskritik ganz zu schweigen.“ Joschka Fischer, 1982

Eine komische Szene: wie Carl Schmitt, Benn und Ernst Jünger misstrauisch daraufhin beobachtete, wer als erster mit den neuen Mächten kollaborieren würde? Jünger und Benn gelang es ja irgendwann glänzend, Schmitt dagegen nie. Helmut Lethen im Buch "Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit" 2006 (mit "neue Mächte" sind die alliierten Besatzungsmächte nach 1945 gemeint.)

  • Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, dass er geopfert wird, hat einer der literarischen Apologeten des Märtyrertums geschrieben: Und die höchste Befehlskunst (besteht) darin, Ziele zu zeigen, die des Opfers würdig sind. Das könnte von Bin Laden sein. Stammt aber von Ernst Jünger. (...) - Christoph Reuter, STERN (in: Das Parlament, 4. September 2006)

Werke

Editionen

  • Ernst Jünger: Politische Publizistik 1919 bis 1933. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Sven Olaf Berggötz. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, ISBN 3-608-93550-9
  • Ernst Jünger, Rudolf Schlichter: Briefe 1935–1955. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Dirk Heißerer. Klett-Cotta, Stuttgart 1997, ISBN 3-608-93682-3
  • Ernst Jünger, Carl Schmitt: Briefe 1930–1983. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-93452-9
  • Ernst Jünger, Gerhard Nebel: Briefe 1938–1974. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Ulrich Fröschle und Michael Neumann. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-93626-2
  • Ernst Jünger, Friedrich Hielscher: Briefe 1927–1985. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Ina Schmidt und Stefan Breuer. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-93617-3
  • Gottfried Benn, Ernst Jünger: Briefwechsel 1949–1956. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Holger Hof. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 3-608-93619-X

Literatur

a. Bibliographische Hilfsmittel und Register

  • Horst Mühleisen: Bibliographie der Werke Ernst Jüngers. Begründet von Hans Peter des Coudres. J. G. Cotta’sche Nachfolger GmbH, Stuttgart 1995, ISBN 3-7681-9803-0
  • Nicolai Riedel: Ernst-Jünger-Bibliographie. Wissenschaftliche und essayistische Beiträge zu seinem Werk (1928–2002). J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2003, ISBN 3-476-01961-6
  • Tobias Wimbauer: Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers. Überarb., erg. und erw. Neuausgabe. Schnellroda 2003. ISBN 3-935063-51-2

b. Neuere Literatur

  • Svend Buhl: "Licht heißt hier Klang" - Synästhesie und Stereoskopie in den Tagebüchern Ernst Jüngers, Bonn R. Nenzel Verlag 2003, ISBN 3-9290-3506-5.
  • Lutz Hagestedt (Hg.): Ernst Jünger. Politik – Mythos – Kunst. Walter de Gruyter, Berlin, New York 2004, ISBN 3-11-018093-6
  • Steffen Martus: Ernst Jünger. J. B. Metzler, Stuttgart, Weimar 2001, ISBN 3-476-10333-1
  • Paul Noack: Ernst Jünger. Eine Biographie. Berlin 1998, ISBN 3-8286-0024-7
  • Bernd A. Laska: Katechon und Anarch. Nürnberg, LSR, 1997, ISBN 3-922058-63-9 (ü. Carl Schmitt und Ernst Jünger)
  • Ulrich Prill, "Mir ward Alles Spiel" - Ernst Jünger als homo ludens, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002, ISBN 3-8260-2355-2.
  • Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen., Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-1884-6
  • Klaus Theweleit: Männerphantasien 1 + 2 Stroemfeld 1977 + 1978, Neuauflage Piper Verlag 2000

Weblinks

Fußnoten


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