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Chronologien der Altorientalischen Geschichtsschreibung
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Bei den Chronologien der Altorientalischen Geschichtsschreibung handelt es sich um verschiedene Zeitraster, die altorientalische Ereignisse, die ansonsten nur relativ datierbar wären, mit der Absoluten Chronologie verbinden sollen.
In der altorientalische Geschichte finden sich einzelne Zeitabschnitte, aus denen uns umfangreiches schriftliches Quellenmaterial vorliegt, die jedoch in längere Abschnitte relativer Quellenarmut eingebettet sind. Letztere stellen uns vor beträchtliche Probleme sowohl hinsichtlich ihrer eigenen Datierung als auch hinsichtlich der Datierung der ihnen vorangegangenen Phasen. Die Dendrochronologie leistet uns hier auf Grund der Seltenheit nutzbaren Materials und die 14C-Datierung auf Grund der für historische Maßstäbe zu geringen Messgenauigkeit nur sehr unzureichende Dienste.
Sämtliche Datierungen historischer Ereignisse von der frühdynastischen Zeit Sumers bis zum Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. (auch diejenigen, die sich auf astronomische Daten stützen) beruhen auf Annahmen und Schätzungen mittels allgemeiner historischer Erwägungen. Für die Rekonstruktion einzelner, in sich konsistenter zeitlicher Inseln stehen dem Historiker Quellen wie beispielsweise Berichte über Ereignisse, die sich über mehrere Jahre erstreckten, Eponymen- und Königslisten oder Angaben von Regierungsjahren zur Verfügung. Im Idealfall soll die Verknüpfung der in historischen Quellen angegebenen Zeiträume eine lückenlose Folge von Jahren bis in die frühesten Epochen hinein ergeben.
Die von uns heute verwendeten Jahreszahlen beziehen sich auf das Jahr 1, den Beginn der von uns allen verwendeten Zeitrechnung. Die von altorientalischen Herrschern verwendeten Jahresangaben hingegen beziehen sich (im günstigsten Falle) auf den Beginn ihrer eigenen Regierungszeit. Dennoch ist es mittels Synchronismen gelungen, eine Jahresfolge, die bis in das 12. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht, mit Toleranzschwankungen von nur wenigen Jahren an die Absolute Chronologie anzuschließen. Mit unserer Kenntnis der ersten Dynastie von Larsa und der ersten Dynastie von Babylon, von deren Königen uns auch die Regierungszeiten mit recht großer Zuverlässigkeit überliefert sind, liegt uns ein in sich stimmig zusammenhängender zeitlicher Komplex von immerhin etwas über 400 Jahren vor. Zwischen dem Ende des letzten Herrschers der ersten Babylon-Dynastie Samsuditana und dem frühen 12. Jahrhundert klafft jedoch eine zeitliche Lücke unbekannter Länge.
Wir besitzen aber eine Quelle, laut der eine bestimmte Konstellation der Venus, die gemäß astronomischen Berechnungen alle 64 Jahre auftritt, im 8. Jahr des Ammişaduqa von Babylon zu beobachten gewesen sein soll. Aufgrund verschiedener Erwägungen wurden die Jahre 1702, 1638 und 1574 v. Chr. als die wahrscheinlichsten Kandidaten für das Jahr dieser Himmelsbeobachtung angenommen. Auf die Annahme von 1702 stützt sich die lange, auf die Annahme von 1638 die mittlere und auf die Annahme von 1574 die kurze Chronologie. Im Folgenden werden drei wichtige Eckdaten dieser zeitlichen Insel in allen drei Chronologien vorgestellt:
| Ereignis | Lange Chronologie | Mittlere Chronologie | Kurze Chronologie |
|---|---|---|---|
| Gungunum von Larsa erobert Ur | 1988 v. Chr. | 1924 v. Chr. | 1860 v. Chr. |
| Rim-Sin von Larsa wird durch Hammurabi von Babylon entmachtet | 1827 v. Chr. | 1763 v. Chr. | 1699 v. Chr. |
| Der Hethiterkönig Muršili I. überfällt Babylon | 1658 v. Chr. | 1594 v. Chr. | 1530 v. Chr. |
Es versteht sich von selbst, dass die Daten vor und nach diesem zeitlichen Block sinnvoll an die gewählte Chronologie angepasst werden müssen. Darüber hinaus variieren mangels hinreichend konkreter Synchronismen viele Daten auch innerhalb dieser Zeitspanne von Autor zu Autor.
Die lange Chronologie wird nur noch selten verwendet, während die kurze bis in die jüngste Zeit Anhänger hat. Obwohl die Authentizität der Venusbeobachtungsdaten mittlerweile angezweifelt wird, wird die mittlere Chronologie aufgrund von Synchronismen zur ägyptischen Geschichte und Befunden anderer Datierungsmethoden sehr häufig als Zeitraster für Datierungen herangezogen. Sie dient nicht nur der Datierung im engeren Sinne, sondern auch als Konvention zur Verständigung über altorientalische historische Prozesse.
Literatur
- Barthel Hrouda (Hrsg.): Methoden der Archäologie. Eine Einführung in ihre naturwissenschaftlichen Techniken. München 1978
- Paul Åström (Hrsg.): High, Middle or Low? • Acts of an International Colloquium on Absolute Chronology. Göteborg 1987
- Hans Jörg Nissen: Geschichte Altvorderasiens. München 1999
- Erich Ebeling, Bruno Meissner u. a. (Hrsg.): Reallexikon der Assyriologie (und vorderasiatischen Archäologie). Berlin, Leipzig 1932-2005 (bisher 10 Bde.)
- V.G. Gurzadyan: On the Astronomical Records and Babylonian Chronology
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