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Christlicher Fundamentalismus

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Als christlicher Fundamentalismus werden fundamentalistische konservative Strömungen im Christentum bezeichnet, die sich als religiöse und insbesondere auch kulturelle Gegenbewegung zu den Säkularisationstendenzen verstehen, die seit der Aufklärung bestehen. Im christlichen Fundamentalismus werden bestimmte Lehren und Praktiken betont, um sich gegenüber der "ungläubigen" Kultur deutlich abzugrenzen und eine eigene Identität zu bewahren.

Charakteristisch für den christlichen Fundamentalismus ist die Abgrenzung gegenüber allen Strömungen, die die eigene Lehre nicht vollständig teilen - auch gegenüber anderen christlich-fundamentalistischen Gruppen. Eine wesentliche Rolle spielen auch die absolut gesetzten konservativen Werte bezüglich Familie und Moral und häufig eine Ablehnung der Evolutionstheorie.

Es gibt christlichen Fundamentalismus unterschiedlicher konfessioneller Ausprägung, unterscheidbar durch ihre Herkunft, Entwicklung als auch der als unverzichtbar gesehenen Lehren. Daneben existiert eine eigene Art Fundamentalismus auch noch innerhalb einiger weiterer im weiteren Sinne christlicher Konfessionen, z.B. im Mormonismus oder bei den Zeugen Jehovas, was jedoch im vorliegenden Artikel nicht behandelt ist.

Inhaltsverzeichnis

Protestantischer Fundamentalismus

Unter christlichem Fundamentalismus wird meist der protestantische Fundamentalismus verstanden. Er entstand aus einer Protestbewegung gegen rationalistische Extreme der historisch-kritischen Forschung in der Theologie, verdrängte Spiritualität und Tradition und Infragestellung biblischer moralischer Werte innerhalb der Kirchen. Daraus entwickelte sich eine rigorose Ablehnung aller Formen von moderner Theologie, "freier Moral" und Pluralismus.

Die Folgen waren unter anderem ein verstärkter kirchlicher Pluralismus, ein demokratischeres Laien-Priestertum und vermehrte freie Meinungsäußerung von Christen ohne klerikale Bildung.

Protestantische Fundamentalisten verstehen sich als bibeltreu mit biblisch begründeter Wertordnung, Theologie, Gottesdienstform und Kirchenorganisation, die jedoch - wie die spannungsreichen Konflikte in der Geschichte der Fundamentalisten zeigen - hinsichtlich des Bibelverständnisses, Wertefestlegungen, und kirchengeschichtlichen Entwicklungen stark voneinander abweichen können.

Konfliktlinien innerhalb des protestantischen Fundamentalismus entstehen entlang unterschiedlicher sozialer und wirtschaftlicher Hintergründe der Beteiligten, unterschiedlicher Glaubens- und Gottesdienstkulturen und Gesangstraditionen, die an meistens nebensächlichen theologischen Fragestellungen kondensieren und zur Spaltung im Streit zwischen fundamentalistischen Gemeinden führen können. Die meisten Gemeinde-Abspaltungen sind jedoch friedlicher, organischer Natur durch Gründungen von Filial-Gemeinden, die ab einer gewissen Größe in die Unabhängigkeit entlassen werden und als eigenes Mitglied im betreffenden Kirchenbund aufgenommen werden, da wo ein solcher besteht.

Lehre

Wesentliche Merkmale des heutigen protestantischen Fundamentalismus können die absolute Autorität der wörtlich ausgelegten Bibel (Biblizismus, fundamentalistisches Schriftverständnis) sein. Jede Form der historisch-kritischen Methode der Bibelkritik wird leicht als Angriff auf den christlichen Glauben verstanden (im Unterschied zu einem Teil der Evangelikalen). Für die protestantischen Fundamentalisten ist die wörtliche Irrtumslosigkeit der Bibel nicht nur in religiösen, sondern auch in geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Belangen eine wesentliche und unverzichtbare Glaubensgrundlage - das unterscheidet ihre Bibelauslegung von der anderer konservativer Christen, die die Bibel zwar ebenfalls als Gottes Wort ansehen, aber moderne Methoden der Exegese nicht prinzipiell ablehnen.

Ein Teil der Fundamentalisten in den USA lehnt alle modernen Bibelübersetzungen entschieden ab, nicht nur wegen Unterschieden in der Übersetzung, sondern auch wegen des griechischen Urtextes, der auf der modernen Textkritik basiert: ihre "richtige" King James Bibel hat ihr Fundament im Textus receptus der Reformationszeit. Diese Ansicht wird aber von den meisten Fundamentalisten nicht vertreten, und moderne, jedoch strikt protestantische Bibelübersetzungen wie die New International Version werden von diesen oft bevorzugt. Im deutschen Sprachraum bevorzugen Fundamentalisten in der Regel die als besonders wortgetreu geltende Elberfelder Bibel.

Theologisch vertritt der protestantische Fundamentalismus eng definierte Lehren, die von anderen (auch konservativen) christlichen Richtungen bestenfalls als peripher oder sogar als völlig irrelevant angesehen werden. Beispiele für solche Lehren sind die Naherwartung der Wiederkunft Christi, oft in Form des Dispensationalismus, ein Bestehen auf bestimmten Bibelübersetzungen, beispielsweise der King James Bibel, der Elberfelder Bibel oder einer konkordanten Bibelübersetzung, bestimmte Formen der Kirchenorganisation oder bestimmte alttestamentliche Vorschriften. So dürfen beispielsweise Frauen in manchen fundamentalistischen Gruppen nach 5. Mose 22,5 keine Hosen tragen.

Christliche Fundamentalisten lehnen moderne wissenschaftliche Konzepte wie die Darwinsche Evolutionstheorie ab, da sie der (wörtlich ausgelegten) Schöpfungsgeschichte der Bibel widerspreche. In den USA erreichte diese Kreationismus-Debatte in den 1930er Jahren ihren Höhepunkt im so genannten Affenprozess, in dessen Folge die Lehre der Evolutionstheorie an den Schulen in einigen amerikanischen Bundesstaaten vorübergehend gesetzlich verboten wurde.

Auch Homosexualität wird von den christlichen Fundamentalisten stark abgelehnt, wie von den meisten Evangelikalen auch. Dieses Klima führt dazu, dass viele Organisationen der Ex-Gay-Bewegung, welche vor allem Hilfe bei umstrittenen und in der Mehrzahl wenig erfolgreichen Umorientierungen von einer homosexuellen Identität zu einer heterosexuellen Identität anbieten oder erforschen, aus diesem Umfeld kommen.

Soziologisch hat der christliche Fundamentalismus strikte, unverrückbare Kriterien, um die "drinnen" und die "draußen" zu unterscheiden. Oft wird ein bestimmter Kleidungsstil betont (Frauen mit langen Röcken, mit Hut oder mit Kopftuch in der Kirche, Männer nur mit oder nur ohne Bart). Daneben gibt es geschriebene und ungeschriebene Regeln, um als "weltlich" definierte Aktivitäten (beispielsweise Kino, Tanz, Kartenspiel, Make-up, Alkohol, Kaffee, moderne Musik, Fernsehen und andere Medien, leichte Lektüre, höhere Bildung) sorgfältig zu vermeiden. Diese Regeln können von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich sein.

Beziehung zur Ökumene

Ein Merkmal fundamentalistischer christlicher Gruppen ist eine grundsätzliche Ablehnung nicht nur der Ökumene, sondern auch anderer Formen der Zusammenarbeit mit anderen christlichen Richtungen.

Eine Organisation der protestantischen Fundamentalisten ist der International Council of Christian Churches (ICCC), gegründet 1948. Der Ökumenische Rat der Kirchen wird als liberal und linksgerichtet abgelehnt, und auch zur Evangelischen Allianz erfolgt eine Distanzierung. Im deutschen Sprachraum gibt es keine Kirchen oder Gemeinden, die Mitglied des ICCC sind.

Verbreitung

Im deutschen Sprachraum sind die protestantischen Fundamentalisten eine kleine, stark zersplitterte Minderheit. Gruppen, die zum protestantischen Fundamentalismus gerechnet werden sind beispielsweise die Amischen, der Evangelische Brüderverein, die Internationalen Gemeinden Christi, die Zwölf Stämme und die Freunde konkordanter Bibelübersetzungen. Dazu kommen einzelne Gemeinden der Pfingstbewegung (aber nicht die Pfingstbewegung als Ganzes) und manche evangelisch-freikirchliche Gemeinden (genauer: die aus der "Brüderbewegung" hervorgegangenen Gemeinden in diesem Bund).

Eine mit dem christlichen Fundamentalismus oft verwechselte Bewegung ist die amerikanische religiöse Rechte. Diese vertritt ebenfalls den Dispensationalismus, sieht das wahre Christentum in einer Kombination fundamentalistischer Grundwahrheiten mit Kapitalismus, traditionellen Familienwerten, Waffenbesitz und Amerika als dem Gelobten Land, und kämpft teilweise militant gegen Abtreibung, Homosexualität, und die politische Linke.

Beispielhaft für die extreme religiöse Rechte können Aryan Nations, Christian Identity und die Dominionisten genannt werden, die einen Gottesstaat auf der Basis der alttestamentlichen Gesetze fordern.

Geschichtliche Entwicklung

Der amerikanische protestantische Fundamentalismus entwickelte sich parallel zum Evangelikalismus und spaltete sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts davon ab.

Siehe auch Evangelikal#Geschichtliche Entwicklung.

Katholischer Fundamentalismus

Auch auf katholischer Seite gibt es fundamentalistische Strömungen, die jedoch selten als Fundamentalismus bezeichnet werden. Der heutige katholische Fundamentalismus ist charakterisiert durch ein Absolut-Setzen der katholischen Tradition und eine Idealisierung der römisch-katholischen Kirche des 19. Jahrhunderts, die sich als geschlossene Gruppe gegen "moderne" Irrtümer abgrenzte (siehe auch Syllabus, Antimodernisteneid). Die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils werden oft abgelehnt, die lateinischsprachige tridentinische Messe wird bevorzugt.

Der römische Katholizismus unterscheidet sich erkennbar von allen anderen christlichen Konfessionen dadurch, dass er an einer Überordnung der geistlichen Autorität der Kirche über die Staats- und Gesellschaftsordnung festhält, also keine Einheit von Religion und Rechtsordnung (Staatskirche, Islam) duldet. Ein eigentlicher katholischer Fundamentalismus ist dadurch, dem Selbstverständnis nach, begrifflich ausgeschlossen. Denn die katholische Religion hat als einzige (!) eine rechtliche Struktur, bei der sich systemimmanent die spirituelle Autorität (gipfelnd im "Primat", der Erstzuständigkeit des Papstes in Lehrfragen und kirchlicher Rechtsprechung) nicht durch "Eiferer" überbieten lassen kann. Ein "katholischer" Fundamentalismus muss danach, um die Papstkirche fundamentalistisch nachzuahmen, den Weg der Abspaltung wählen (z.B. 30. Juni 1988, Schisma der Lefebvre-Bewegung).

Typisches Kennzeichen des katholischen "Quasi-Fundamentalismus" ist eine ins Extrem übersteigerte Autoritätsgläubigkeit. Im Gegensatz zum protestantischen Fundamentalismus entwickelte sich der katholische Fundamentalismus in Europa, insbesondere in katholisch geprägten Ländern und Gegenden. Es gibt ihn sowohl innerhalb als auch außerhalb der rechtlichen Strukturen der römisch-katholischen Kirche. Die Action Francaise des Charles Maurras verstand sich als "katholisch" in einem politisch-naturalistischen Sinn. Ihre Lehrmeinungen wurden jedoch 1914 bzw. 1926 vom Heiligen Stuhl eindeutig zurückgewiesen.

Beispiele für konservative, von manchen liberalen Theologen als fundamentalistisch etikettierte Bewegungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche (vgl. Ultramontanismus, Integralismus) sind Comunione e Liberazione, die Priesterbruderschaft St. Petrus, Catholics United for the Faith, Opus Dei, Gemeinschaft Sant'Egidio oder das Neokatechumenat.

Beispiele für häufig als fundamentalistisch bezeichnete katholische Strömungen, deren Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche jedoch umstritten ist oder die sich außerhalb der römisch-katholischen Kirche befinden, sind die verschiedenen Varianten des Sedisvakantismus und die Priesterbruderschaft St. Pius X..

All diese Guppen sehen sich selten selbst als fundamentalistisch an.

Orthodoxer Fundamentalismus

Ein kleiner Teil der Athos-Mönche vertritt einen orthodoxen Fundamentalismus, der Begegnungen und Gespräche von Vertretern der Orthodoxie mit dem Papst, anderen Vertretern westlicher Kirchen oder den altorientalischen Kirchen vehement bis militant ablehnt, wobei aber die Lautstärke dieser Gruppe sehr viel größer ist als ihre tatsächliche Bedeutung.

Orthodoxe Fundamentalisten sind auch ein Teil der diversen, teils selbsternannten orthodoxen Episcopi Vagantes (irregulären Bischöfe) und ihrer Anhänger. Einige dieser Fundamentalisten sind Konvertiten aus westlichen Ländern.

Dagegen sind Gruppen wie die griechischen Altkalendarier, die russischen Raskolniken, und Teile der Russischen Auslandskirche eher als extrem konservativ denn als fundamentalistisch zu bezeichnen, wenn es auch Überschneidungen gibt.

Typisches Kennzeichen des orthodoxen Fundamentalismus ist ins Extrem übersteigerter und absolut gesetzter Traditionalismus.

Literatur

  • Stephan Holthaus: Fundamentalismus in Deutschland. Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts. 2. Auflage. Verlag für Kultur und Wiss., Bonn 2003, ISBN 3-932829-85-9
  • Erich Geldbach: Protestantischer Fundamentalismus in den USA und Deutschland. Ökumenische Studien 21, Lit, Münster [u.a.] 2001, ISBN 3-8258-5776-X
  • Bruce Bawer: Stealing Jesus. How Fundamentalism Betrays Christianity. Crown, New York 1997, ISBN 0-517-70682-2

Weblinks


Verwandte Themen: Fernsehprediger, Tradition, Evangelikal, Konservativismus, Universalismus, Kreationismus, Ex-Gay-Bewegung

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