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Cargo-Kult-Wissenschaft
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Der Begriff Cargo-Kult-Wissenschaft oder englisch Cargo Cult Science stammt vom Nobelpreisträger und Physiker Richard Feynman. Er verwendete ihn erstmals in einer Rede vor dem Abschlussjahrgang 1974 am Caltech und bezeichnete damit eine Vorgehensweise im Wissenschaftsbetrieb, die zwar (im Gegensatz zu Pseudowissenschaft) die formalen Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllt, der es jedoch an einer Art wissenschaftlicher Integrität mangelt. Diese Integrität ist demnach ein Prinzip des Wissenschaftlichen Denkens, das sich mit einer Art tiefgründiger Ehrlichkeit vergleichen lässt. Die Rede wurde gleichzeitig in einer Ausgabe von Engineering and Science abgedruckt[1] und ist auf vielen Webseiten zu finden, weil sie vom Caltech zur nichtkommerziellen Verbreitung freigegeben wurde.[1] Auch wurde sie später in seinem Buch Surely You're Joking, Mr. Feynman![1] abgedruckt (deutsche Ausgabe: Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman). Der Ausdruck basiert auf einem Konzept in der Anthropologie, dem Cargo-Kult. Feynman warnte, dass Wissenschaftler zuallererst vermeiden müssen, sich selbst zu täuschen, wenn sie verhindern wollen, zu Cargo-Kult-Wissenschaftlern zu werden. Außerdem müssten sie bereit sein, ihre eigenen Theorien und Resultate in Frage zu stellen und nach möglichen Schwachstellen in einer Theorie oder einem Experiment zu suchen.
Feynman bezieht sich konkret auf Riten des Cargo-Kults in Papua-Neuguinea:
- "So sind sie übereingekommen, eine Art Landebahn zu bauen, an ihren Seiten Feuer zu entzünden, und eine Holzhütte für einen Mann mit zwei Holzstücken am Kopf als Kopfhörer, und Bambusstäben als Antennen - den Fluglotsen - und sie warten darauf, dass die Flugzeuge landen. Sie machen alles richtig. Die Form ist perfekt. Es sieht genauso aus wie früher. Aber es funktioniert nicht. Keine Flugzeuge landen. Solche Dinge nenne ich Cargo-Kult-Wissenschaft, weil sie alle ersichtlichen Vorschriften und Methoden für wissenschaftliche Forschungen befolgen, aber etwas Wesentliches verpassen; weil ihre Flugzeuge nicht landen." Richard Feynman: Cargo Cult Science. Eröffnungsrede des California Institute of Technology zum Semesterbeginn 1974.
Bei der Beurteilung, ob es sich bei einer Arbeitsweise um eine richtige wissenschaftliche Arbeitsweise handelt oder um Cargo-Kult-Wissenschaft, ist das Bild der Riten des Cargo-Kults aus Papua-Neuguinea wichtig. Es vermittelt ein Gefühl dafür, was an Cargo-Kult-Wissenschaft falsch ist oder warum es nicht funktioniert. Dieses Gefühl oder Bild für eine richtige oder falsche Arbeitsweise sei wichtig und müsse im Rahmen einer wissenschaftlichen Ausbildung vermittelt werden. Es ist nach Feynman sehr schwer, den Betreibern von Cargo-Kult-Wissenschaft überhaupt klarzumachen, was der Fehler bei ihrem Vorgehen ist, da ihnen das Verständnis für etwas Wesentliches fehlt.
Es würde sehr schwierig sein, einem Anhänger eines Cargo-Kults zu erklären, was er falsch macht, weil seine Dschungelanlage äußerlich wie ein Flugplatz aussieht. Und der Sektenangehörige würde überhaupt nicht erkennen, was er falsch macht, da er die Bedeutung von Radar, Antenne, Kopfhörer, Funk und Fluglotse nicht kennt.
Entschieden wird die Frage, ob es sich um Cargo-Kult-Wissenschaft handelt oder nicht, erst am Ende eines Projektes: Bei Cargo-Kult-Wissenschaft stellt sich der gewünschte Erfolg garantiert nicht ein. Dieses Kriterium ist leider nicht eindeutig (nicht jedes erfolglose Projekt ist Cargo-Kult-Wissenschaft) und für die Projektbeteiligten nicht hilfreich, da sie ohne ein Gefühl für Cargo-Kult-Wissenschaft keine Aussage zur Lage gewinnen können.
Abgesehen von den durch obiges Bild vermittelten Gefühlen lässt sich Feynmans Intention durch die Forderung ergänzen, dass die Mitarbeiter eines wissenschaftlichen Projektes über nützliche, praktische technische Erfahrungen verfügen müssen. Wieder im Bild, können diese dann intuitiv beurteilen, ob ein Fluglotse über Funk ein Flugzeug heranführt, oder ob ein Eingeborener in einer Bambushütte einen Kopfschmuck aus Holz trägt.
Diese Überlegungen werden durch Feynmans Beschreibungen seiner Arbeit in der Untersuchungskommission der Challenger-Katastrophe ergänzt. Diese Beschreibungen, auch im oben genannten Werk veröffentlicht, kritisieren sowohl die von Wunschdenken geprägten Risikoeinschätzungen der NASA zum Space-Shuttle-Programm als auch die Arbeit der Untersuchungskommission selbst. In beiden Fällen, glaubt Feynman, wurde formalen Kriterien genügt, ohne die teilweise absurden Inhalte zu hinterfragen.
Weblinks
Quellen
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