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Amoklauf von Erfurt
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Der Amoklauf von Erfurt ereignete sich am Vormittag des 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Dabei erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser gezielt 13 Lehrer und einen herbeigeeilten Polizisten. Zwei Schüler wurden getötet, als er eine Tür durchschoss. Anschließend tötete er sich selbst.
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Vorgeschichte
Robert Steinhäuser war bis Anfang Oktober 2001 Schüler des Gutenberg-Gymnasiums. Ende September 2001 blieb er einige Tage vom Unterricht fern, als Entschuldigung legte er ein ärztliches Attest vor. Jedoch wurde sehr schnell bemerkt, dass es sich um eine Fälschung handelte. Wegen dieser Urkundenfälschung wurde Steinhäuser der Schule verwiesen. Da er zu diesem Zeitpunkt schon volljährig war, mussten die Eltern darüber nicht informiert werden; so gelang es ihm, seiner Familie bis zum Schluss vorzutäuschen, dass er noch zur Schule gehen würde.
Seit 2000 betätigte er sich in einem Schützenverein und konnte auf diesen Weg eine Waffenbesitzkarte erwerben und legal Waffen kaufen.
Tathergang
Die Tat fand am Tag der schriftlichen Abiturprüfungen statt. Robert Steinhäuser betrat um 10:46 UHR die Schule unmaskiert durch den Haupteingang. Von dort begibt er sich in die Herrentoilette im Erdgeschoss und wechselte einen Teil seiner Kleidung - unter anderem zieht er sich eine schwarze Gesichtsmaske über den Kopf. In der Toilette lässt er seine Jacke (mit Geldbörse inkl. Ausweispapieren), seine Tasche, etwas Munition und einige andere Gegenstände zurück. Er trug eine Glock 17 mit mehreren Magazinen bei sich, außerdem führte er über den Rücken eine Pumpgun mit (diese wurde aber während der Tat nicht benutzt).
Von der Toilette aus macht sich Steinhäuser auf dem Weg ins Sekreteriat. Dort erschiesst er die stellvertretende Schuldirektorin und die Sekretärin. Im Nebenzimmer befindet sich die Direktorin, dieser Raum wird von Steinhäuser nicht betreten. Die Zwischentür ist zu diesem Zeitpunkt noch unverschlossen, erst als die Direktorin wegen des Lärms nachsah und die Leichen entdeckte - Steinhäuser hatte den Raum bereits wieder verlassen - schloss sie sich in Ihrem Büro ein und versuchte die Polizei zu alarmieren.
Nach dem Verlassen des Sekreteriats begab sich Steinhäuser über die Treppe in den ersten Stock. Noch auf der Treppe schoss er einem Lehrer, der gerade einen Klassenraum aufsperren wollte, mehrfach in den Rücken. Im ersten Stock angekommen begab er sich zielstrebig in den Raum 105 und erschoss dort vor den Augen der Schüler den anwesenden Lehrer. Durch die Schüsse auf dem Gang alarmiert wollte der Lehrer aus dem gegenüber liegendem Klassenzimmer nachsehen was passiert ist und betrat den Gang, dort wurde er von Steinhäuser mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Der Tod der 3 Lehrer im ersten Stock dürfte sofort eingetreten sein.
Der Täter machte sich dann sofort im Anschluss auf den Weg in den 2. Stock. Dort betrat er zuerst den Raum 205 in dem sich nur einige Schüler befanden, geschossen hat er dort allerdings nicht. Nun durchquerte er den Flur in Richtung Nord-Treppenhaus und feuerte 5 mal auf eine Lehrerin. Jetzt betritt er den Raum 211 und gab - wiederum vor den Augen der Schüler - 5 Schüsse auf die anwesende Lehrerin ab. Sein nächster Weg führt Steinhäuser in das gegenüberliegende Klassenzimmer 208, auf die dort unterrichtende Lehrerin schiesst der Täter allerdings nicht, vermutlich weil diese aufgrund ihrer Größe und ihres jugendlichen Aussehen nicht von Steinhäuser erkannt wurde.
Steinhäuser begab sich jetzt auf den Weg in den 3. Stock. Dort angekommen schoss er im Raum 307 aus nächter Nähe 8 mal auf die anwesende Lehrkraft, 2 Geschosse verfehlen das Opfer. Die Lehrerin stirbt dennoch sofort. Hier macht er jetzt seinen ersten Magazinwechsel, alle bisher abgegebenen Schüsse wurden aus dem ersten Magazin abgebeben. Im Nebenraum wird eine Lehrerin verschont, vermutlich weil Steinhäuser diese nicht kennt (sie ist erst seit einem Jahr an der Schule). Im Durchgangzimmer 304/310 unterrichtet eine Referendarin, der Täter geht zügig auf sie zu und feuert im gehen bereits 2 mal auf sie, 2 weitere Schüsse gibt er dann auf die jetzt am Boden liegende Frau ab. Steinhäuser verlässt nun in Richtung Südflur das Zimmer, dort schiesst er einer Lehrerin genau zwischen die Augen. Hier wird Steinhäuser zum ersten mal identifiziert, eine Schülerin erkennt ihn - trotz der Gesichtsmaske - an seinen Augen. Diese Erkenntnis teilt sie auch einem Lehrer mit. Auf dem Weg zur Südtreppe erschiesst er noch einen Lehrer.
Steinhäuser befindet sich nun im südlichen 2. Obergeschoss, hier war er bereits. Die Situation ist nun aber anders, die meisten Schüler wissen bereits von Geschehnissen, viele sind auch bereits geflüchtet. Der Täter trifft hier nun erstmal auf verschlossene und verbarrikadierte Klassenzimmer. Dennoch findet Steinhäuser auch hier Opfer, einer fliehenden Lehrerin schiesst er in den Rücken. Diese fällt vorneüber durch eine halbgeöffnete Tür, Steinhäuser steigt über sie drüber und gibt aus der anderen Richtung noch einen weiteren Schuss auf die liegende Frau ab. Der Täter wechselt nun zum zweiten mal das Magazin. Im Raum 208 hat sich die Lehrerin (die vorher von Steinhäuser wegen ihrer Größe und ihres jugendlichen Aussehens nicht erkannt wurde) mit ihrer Klasse eingeschlossen. Steinhäuser versucht den Raum zu betreten, nachdem dies misslang schoss er 8 mal durch die geschlossene Tür. Hierbei wurden zwei Schüler tödlich getroffen.
Steinhäuser begibt sich nun auf den Weg in das Erdgeschoss. Vermutlich durch ein Fenster erblickt er auf dem Hof eine Lehrerin, diese hat die anwesenden Schüler zur Flucht auffordert. Der Täter betrat den Hof und eröffnete das Feuer auf die Frau, dies wurde dabei tödlich verletzt. Zu diesem Zeitpunkt traf auch das erste Polizeiauto an der Schule ein. Steinhäuser wechselt nun sein Magazin zum dritten und letzten mal. Einer der Polizeibeamten versucht einige Schüler in Sicherheit zu bringen, Steinhäuser bemerkt diesen und schiesst auf den Polizeibeamten, verfehlt ihn aber. Steinhäuser betritt wieder das Schulgebäude. Ein weiteres Polizeifahrzeug trifft am Schulgelände ein, die Beamten wurden sofort von Steinhäuser beschossen, einer von ihnen wird dabei tödlich getroffen.
Vor dem Raum 111 trifft Steinhäuser auf den Lehrer Heise der gerade diesen Raum verlassen wollte. Der Täter hatte seine Gesichtsmaske bereits abgenommen, so konnte der Lehrer ohne große Probleme Robert Steinhäuser erkennen. Dem Lehrer war zumindest im Ansatz der Umfang der Geschehnisse der letzten Minuten bewusst, ihm war auch sofort klar das er den Amokläufer direkt vor sich hatte. Er sagte zu Steinhäuser „Du kannst mich jetzt erschiessen“ und schaute ihm dabei in die Augen. Dieser senkte jedoch die Waffe und sagt „Herr Heise, für heute reichts“. Heise forderte Steinhäuser auf „für ein Gespräch“ in den nächstliegenden Raum (Fachraum Kunst) zu kommen, dieser folgte der Aufforderung, ging auf die geöffnete Tür zu und wurde darauf hin von Heise in den Raum geschubst und dort eingesperrt. Steinhäuser muss sich kurz danach selbst erschossen haben.
Alles in allem hat der Amoklauf etwa 20-25 Minuten gedauert. Um 13:02 UHR wurde die Leiche Steinhäusers vom angerückten SEK entdeckt.
Ungereimtheiten
- In den Medien kam es kurz nach dem Amoklauf zu kontroversen Diskussionen um die Aussagen von Rainer Heise, da er teilweise widersprüchliche Angaben machte. Kritiker sahen in seinem Verhalten eine Selbstdarstellung auf Kosten der Opfer, andere hingegen verteidigten den Pädagogen gegen die Vorwürfe und verwiesen auf seinen Schockzustand nach dem Massaker. Auch Schüler, die sich hinter Heise stellten, sahen sich mitunter massiven Anfeindungen ausgesetzt.
- Nach der Tat kam immer wieder das Gerücht auf, dass es neben Steinhäuser noch einen weiteren Täter gegeben habe.
Erst der offizielle Bericht der so genannten Gasser-Kommission, der am 21. April 2004 erschien, entlastete Rainer Heise vollständig. Sämtliche Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Aussagen konnten verworfen werden. Auch konnte die Kommission die Existenz eines Mittäters ausschließen. Sämtliche Opfer konnten zeitlich dem Weg des Täters in der Schule zugeordnet werden. Ob es allerdings einen Mitwisser gegeben hatte konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden.
Gedenkfeier
Auf die Stunde genau eine Woche nach der Tat fand am Freitag, dem 3. Mai auf dem Domplatz im Zentrum Erfurts eine Gedenkfeier für die Opfer des Massakers statt. Dabei betonte der damalige Bundespräsident Johannes Rau, dass er auch Robert Steinhäusers selbst gedenke; was ein Mensch auch immer getan habe, er bleibe ein Mensch. Die Angehörigen Steinhäusers wohnten der Gedenkfeier abgeschirmt von der Öffentlichkeit vom Fenster eines nahen Gebäudes aus bei. Insgesamt nahmen an dieser Gedenkfeier auf dem Domplatz über 100.000 Menschen teil.
Öffentliche Diskussion
Der Amoklauf führte zu heftigen öffentlichen Diskussionen zum Thema Jugend und Gewalt, besonders in Bezug auf sogenannte „Ego-Shooter“-Computerspiele (Gewalt in Computerspielen, Killerspiele). Nach dem Bericht der „Gutenberg-Kommission“ hat Robert Steinhäuser einige „gewaltdarstellende“ (und teilweise indizierte) Videofilme wie Fight Club, Predator oder Desperado besessen und ebenso Ego-Shooter wie Return to Castle Wolfenstein, Half-Life oder Hitman. Für das Computerspiel Counter Strike, das im Zusammenhang mit dem Amoklauf häufig von den Medien erwähnt wurde, hat sich Steinhäuser dem Bericht zufolge anscheinend nicht interessiert. Die Diskussionen beschleunigten die Arbeit an dem neuen Jugendschutzgesetz, welches wenige Wochen später verabschiedet wurde, und trugen dazu bei, dass es verschärfte Regelungen für diese Bereiche enthält.
Ebenso geriet das Thüringer Schulgesetz ins Kreuzfeuer der Kritik. Da Steinhäuser bereits volljährig war, hatte man seine Eltern nicht über seinen Schulverweis informiert. Außerdem gab es zu diesem Zeitpunkt, im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern, an Gymnasien keine Prüfungen oder automatische Zuerkennung der Mittleren Reife nach der 10. Klasse. Schüler, die das Abitur nicht bestanden, hatten also keinen Schulabschluss und daher kaum eine berufliche Perspektive. Als späte Reaktion auf den Amoklauf konnten Schüler der Gymnasien im Jahr 2003 auf eigenen Wunsch am Ende der Klasse 10 an einer Prüfung teilnehmen. Seit 2004 ist diese Prüfung (Besondere Leistungsfeststellung) für alle Thüringer Gymnasiasten Pflicht.
Die Thüringer Landesregierung sprach der Schuldirektorin bereits kurz nach der Tat eine „Missbilligung“ aus und bestätigte diese Missbilligung im Mai 2004 nach der Vorlage des Kommissionsberichts. Der von ihr ausgesprochene Schulverweis sei zwar pädagogisch vertretbar, sie habe jedoch ihre rechtlichen Befugnisse überschritten; ihre Äußerungen Steinhäuser gegenüber seien „unangemessen“ gewesen. Juristische Konsequenzen für die Schulleiterin gab es nicht.
Neben dem Jugendschutzgesetz wurde auch das Waffengesetz verschärft. Obwohl bereits vor dem Amoklauf umfassende Einschränkungen beschlossen wurden, wurden anlässlich der Ereignisse weitere hinzugefügt. Das Mindestalter zum Erwerb einer großkalibrigen Waffe mit Ausnahme von Flinten, wie sie für Wurfscheibendisziplinen benutzt werden, wurde auf 21 Jahre angehoben und Vorderschaftrepetierflinten mit Pistolengriff wurden verboten.
Auch die Landespolizeigesetze und die Ausbildung wurden in den meisten Bundesländern reformiert. Während früher die Streifenpolizei zwingend auf ein mobiles Einsatzkommando warten musste, erhalten die Polizisten in Nordrhein-Westfalen heute die notwendige Ausbildung und Befugnisse, um selbst frühzeitig eingreifen und mit Geiselnehmern verhandeln zu können.
Eine Kritik der öffentlichen Diskussion findet sich in dem Buch z. B. Erfurt - Was das bürgerliche Bildungs- und Einbildungswesen so alles anrichtet. Der Autor Freerk Huisken „analysiert exemplarisch den Erfurter Amoklauf als ein – aus dem Ruder gelaufenes – Produkt schulischer Selektions- und Lernerfolge“ (Buchrückseite).
Stark umstritten ist das Buch „Für heute reicht's“ von Ines Geipel. Darin werden der Polizei erhebliche Fehler während des Einsatzes im Gutenberg-Gymnasium vorgeworfen.
Die Initiative „Schrei nach Veränderung“, welche sich einen Tag nach dem Ereignis aus Erfurter Schülern gründete, organisierte eine Woche später die größte Schülerdemonstration der Landeshauptstadtsgeschichte mit 4000 teilnehmenden Schülern. Zwei Jahre nach der Tat gab sie offiziell ihre Auflösung bekannt.
Trivia
- Ein mit "17 Kerzen am Dom" betiteltes Lied der Thüringer Dark Metal-Band Eisregen befasst sich mit der Tat.
- Am 5. Juli 2005 wurde ein 36-jähriger Trittbrettfahrer, der sich in einem Brief und einer E-Mail selbst der Mitwisserschaft bezichtigt hatte, zu einer Geldstrafe wegen Vortäuschung einer Straftat verurteilt.
Literatur
- Freerk Huisken: Z. B. Erfurt: was das bürgerliche Bildungs- und Einbildungswesen so alles anrichtet. VSA, 2002. 120 Seiten, ISBN 3-87975-878-6
- Ines Geipel: Für heute reicht's. Rowohlt, Berlin, 2004, ISBN 3-87134-479-6
- Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.): Der Amoklauf von Erfurt. Tilsner, 2003, ISBN 3-93606-864-X
- Jens Becker: Kurzschluß - Der Amoklauf von Erfurt und die Zeit danach. Schwartzkopff Buchwerke, 2005, ISBN 3937738304
- Christof Beyer: Der Erfurter Amoklauf in der Presse - Unerklärlichkeit und die Macht der Erklärung: Eine Diskursanalyse anhand zweier ausgewählter Beispiele. Dr. Kovac, 2004, ISBN 3-8300-1588-7
Weblinks
| <imagemap>-Fehler: Bild ist ungültig oder nicht vorhanden | Commons: Gutenberg-Gymnasium – Bilder, Videos und/oder Audiodateien |
- Presseinformation zum Bericht der Gutenberg-Kommission zu den Vorgängen am Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002
- Vollständiger Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium
- Fernsehdokumentation
- Ines Geipel: Alles ist anders, nichts geklärt, in: Die Welt, 25. April 2007
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